Lehrbuchkritik: segu – Selbstgesteuert Entwickelnder Geschichtsunterricht. Lernplattform für offenen Geschichtsunterricht

WAS IST SEGU?

segu ist ursprünglich ein Projekt des historischen Instituts der Universität Köln. Die Körber-Stiftung in Hamburg, die alle zwei Jahre den Geschichtswettbewerb des Bundespräsidenten auslobt, und segu Geschichte sind seit 2020 Kooperationspartner. Ziel der Kooperation ist die jährliche Bereitstellung eines segu-Moduls rund um Themen des aktuellen Wettbewerbs. segu verfügt über eine ganze Reihe von Partnerschulen.

Das Projekt hat eine Reihe von Verdiensten im Bereich des digitalen Lernens, mit denen ich mich an anderer Stelle auseinandergesetzt habe:

https://geschichtszentrum.de/?p=2401

UNTERRICHTSINHALTE: BEISPIEL KAISERREICH

Hier geht es mir lediglich um eine Kritik der Unterrichtsinhalte, weil meine Fragestellung dem Stand der historischen Bildung gilt, und der hängt stark mit den Inhalten von Lehrwerken zusammen. Bei segu finden wir sie in den sogenannten Lernmodulen.

Schon die Inhaltsangabe zum Lernmodule sagt viel. Ich nummeriere durch:

1. Zeitleiste Kaiserreich
2. Anfang und Endes des Kaiserreichs
3. Bündnispolitik Bismarcks
4. Nationalismus
5. Völkerschlachtdenkmal
6. Militarismus
7. Antisemitismus
8. Mädchenbildung
9. Geschichte des Fahrrads
10. Imperialismus – Kolonialismus – Rassismus
11. Völkermord an den Herero
12. 19. Jahrhundert | Pecha Kucha (Rückblick in Bildern)

Schon der erste Blick lehrt also, dass das Kaiserreich hauptsächlich unter den traditionellen Schlagworten der Linken betrachtet wird: Nationalismus, Antisemitismus, Imperialismus, Kolonialismus, Rassismus, Völkermord. Natürlich sind das wichtige Stichworte im Hinblick auf das Kaiserreich.

Aber erstens fehlen zentrale positive Bereiche, z.B.

- die riesigen wirtschaftlichen Erfolge,
- die mustergültigen Leistungen in Wissenschaft, Forschung und Bildung
- das mustergültige Sozialwesen
- das allgemeine Wahlrecht auf Reichsebene. Überhaupt fehlen Verfassung und Parteien, auch soziale Schichtung, Klassen und Stände.

Zweitens fehlt der Vergleich nach rückwärts und zur Seite zu anderen Staaten, zum Beispiel Großbritannien. Erst dieser Vergleich macht die Leistung des Kaiserreichs einschätzbar, auch im Bereich des demokratischen Fortschritts trotz aller undemokratischen Einschränkungen.

Wenn man aber zentrale positive Bereiche ebenso weglässt wie den Vergleich, wird das Kaiserreich von vornherein auf eine Vorstufe des Nationalsozialismus reduziert. Diese Sichtweise ist aber links und völlig unhistorisch.

EINZELHEITEN

Unter aktuellen Aspekten greife ich die Themen Nationalismus, Imperialismus und Rassismus heraus.

NATIONALISMUS:

„Ein übertriebenes Nationalgefühl und die Abwertung anderer Gruppen bezeichnet man als Nationalismus.“ (segu)

Das ist falsch. Nationalismus ist ein Oberbegriff für verschiedene nationale Strömungen, so wie Sozialismus ein Oberbegriff für verschiedene sozialistische Strömungen ist. Unterströmungen des Nationalismus sind zum Beispiel der Patriotismus (positive Vaterlandsliebe, weder aggressiv noch überheblich noch rassisch- biologisch begründet), Chauvinismus (übersteigerter Nationalismus), der biologisch- rassisch begründete nationalsozialistische Nationalismus, der mit der Demokratie eng verknüpfte Nationalismus (Alle Gewalt im Staat geht vom Volke aus), der kulturelle Nationalismus (geinsame Sprache, Geschichte und Kultur), usw.

Der so einseitig negative, eindeutig linke Nationalismusbegriff, wie ihn segu vertritt, läuft auf linke Indoktrination hinaus, verhindert eine angemessene Einordnung nationaler Strömungen heute und macht den Nationalismusbegriff zu einem tagespolitischen Totschlagargument. Das dürfte einem Uniprojekt nicht unterlaufen, aber die Linken haben die Unis ja schon lange übernommen.

KOLONIALISMUS

„Als Kolonialismus bezeichnet man die Eroberung und Ausbeutung eines Landes durch ein anderes.“

Wiederum ein schwerer Sachfehler. Nicht jede Kolonie wurde erobert, und Kolonialismus ist nur die direkte Form imperialistischer Herrschaft im Gegensatz zur indirekten, informellen Herrschaft des Imperialismus. Ob der Kolonialismus auch etwas Positives bewirkt hat, zum Beispiel die Abschaffung der Menschenopfer bei den Azteken, die Abschaffung der Sklaverei im Zuge des 19. Jhs gegen einheimischen Widerstand oder die Schaffung von Infrastrukturmaßnahmen wie der Eisenbahn, usw. kommt gar nicht in das linke Blickfeld.

RASSISMUS

Hier sieht es insofern besser aus, als immerhin der biologische Rassismusbegriff zutreffend erklärt wird. Man unterlässt es aber, den aktuellen linksgrünen Rassismusbegriff davon abzugrenzen und ihn als politischen Totschlagbegriff kenntlich zu machen. Die Frage nach den Entstehungsbedingungen von Rassismus wird ebenfalls nicht gestellt, ein schweres Versäumnis. Bei Thema Rassismus wird also bei segu die Chance, den Schüler politisch mündiger zu machen, glatt versäumt.

FAZIT:

Lassen wir es dabei. Linke Weltsicht dominiert Wissenschaftlichkeit. Vom pädagogischen Ansatz her diskutabel, aber für ein Uniprojekt blamable Sachfehler gerade bei zentralen Begriffen. Für einen ausgewogenen, auf den mündigen Bürger bezogenen Unterricht wenig geeignet. Dass die Körberstiftung und die Partnerschulen da mitziehen, lässt tief blicken.

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