Schulbuchkritik oder warum es um unsere historische Bildung steht, wie es steht

Natürlich ist ein Schulbuch nur ein Baustein in unserer historischen Bildung, aber ein bisschen sagt das Schulbuch schon aus. Es geht um folgendes Buch:

Schöningh / Westermann
Gawatz – Grießinger – Ledzian
Geschichte 5/6
Baden- Württemberg
Ausgabe für Gymnasien

https://www.amazon.de/Geschichte-Ausgabe-Gymnasien-Baden-Württemberg-Schülerband/dp/3140357109/ref=sr_1_1

Vorab 1: Es gibt viele gute Dinge in dem Buch. Insbesondere ist die schiere Existenz eines historischen Schulbuchs im heutigen Deutschland ja schon eine Leistung, wo in manchen Bundesländern Geschichte als Schulfach ja bereits abgeschafft ist. Ich beschränke mich aber auf einige wenige Kritikpunkte und konzentriere mich auf die Spätantike als das Gebiet, mit dem ich mich schon länger beschäftige, weil ich mich aus aktuellem Anlass mit dem Untergang des weströmischen Staates und dem Niedergang der römischen Zivilisation beschäftige. Oder ist es doch mehr eine Transformation?

Vorab 2: Es ist ein Geschichtsbuch, in dem die Minoer, die Mykener, die Kelten und Alexander der Große mit den Makedonen fehlen. Eine Zeitleiste sucht man tatsächlich vergebens. Vielleicht ist es dem Bildungsplan geschuldet, aber jedenfalls fehlen das.

Nun zur Spätantike.

- Die Spätantike findet abgesehen vom Aufstieg des Christentums zur Staatsreligion und von einem hinter den Franken platzierten Abschnitt zum Islam kaum statt, und das, obwohl die Spätantike seit Jahrzehnten ein großer Forschungsschwerpunkt und zu einer eigenen Epoche aufgestiegen ist. Was Ostrom / Byzanz eigentlich ist, fehlt weitgehend, wird aber vielleicht im Mittelalterband nachgeliefert, den ich nicht gelesen habe. Der Darstellung einer wichtigen Epoche dient das aber sicher nicht.

- Die Gelegenheit für Atheisten oder Moslems, in zentrale Fragen der christlichen Religion eingeführt zu werden, wird zumindest teilweise verpasst oder nicht exakt genug auf den Punkt gebracht, so dass ein Vergleich mit dem Islam fundiert stattfinden könnte. Schade, wird so doch manches Verständnis für deutsches und europäisches Erbe und eine Gelegenheit zur Integration der europäischen Kultur fremd gegenüberstehender Schülerinnen und Schüler verschenkt.

- Die politische Geschichte entfällt weitgehend. Von Diocletian erfährt der Schüler gar nichts, von Konstantin im Zusammenhang mit dem Christentum nur die Konstantinische Wende, Theodosius kommt nur schemenhaft vor; Attila, Odoaker, Theoderich und die Ostgoten, Geiserich und die Vandalen fehlen; die Hunnen schieben die Völkerwanderung an, das war es; von Justinian, geschweige denn von Heraklios hört der Schüler rein gar nichts. Immerhin werden aber die Westgoten etwas ausführlicher erwähnt, wohl wegen der Eroberung und Plünderung Roms 410 nach Christus, aber so ganz ist nicht klar, was der Abschnitt soll.

- Wirtschaftliche und soziale Folgen des äußeren und inneren Drucks auf das Reich fehlen, die Reichskrise des 3. Jahrhunderts kommt nicht vor.

- Der Codex Theodosianus und der Codex Justinianus sowie das Rechtswesen fehlen. Mag für Kinder etwas trocken sein, aber man kann es aufbereiten und muss wissen, dass die Römer und die Spätantike in der Oberstufe in Baden- Württemberg schon lange nicht mehr vorkommen.

- Die Darstellung des Islam folgt den traditionellen Klischees. Der Frage der Gewalt beim Erfolg Mohammeds wird konsequent ausgewichen, dagegen erscheint der Islam im Unterschied zum Christentum als tolerant und – was richtig ist – wissenschaftlich im Vergleich zum christlichen Frühmittelalter hoch entwickelt. Islamischen Antisemitismus gibt es nicht. Ein qualifizierter Vergleich zwischen Islam und Christentum bzw. Jesus und Mohammed ist nicht möglich. Die Begriffe Offenbarungsreligion, Gesetzesreligion, Theokratie und Heiliger Krieg bzw. Dschihad, Dschizya und Dhimmi fallen nicht einmal. Immerhin gibt es ein paar kritische Sätze aus heutiger Sicht zur Rolle der Frau im Islam. Analog zu den Auszügen aus dem Koran hätte man sich ein paar Auszüge aus der Bibel gewünscht, damit auch der muslimische und atheistische Schüler auf seine Kosten kommt.

- Die Slawen fehlen weitgehend, weil auch Frühbyzanz weitgehend fehlt, und das in einer Zeit, wo Osteuropa nach der überstandenen Teilung Europas wieder zugänglich ist und Ost- und Westeuropa miteinander verkettet sind. Vielleicht kommt Byzanz aber im Mittelalterband.

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