Militarismus im Kaiserreich

Der Militarismus gilt als eines der ganz typischen Kennzeichen des Kaiserreichs. Stimmt diese Aussage? Woran könnte man diese Aussage festmachen? Was ist Militarismus überhaupt?

“Wer will unter die Soldaten.
Deutscher Wandfries im Verlage von Breitkopf & Härtel in Leipzig”
Bild: Illustrirte Zeitung | Vergrößerung

Basiswissen:

Was ist Militarismus?

Mit Militarismus, so definiert der englische Militärhistoriker Michel Howard, ist “ein Zustand gemeint, in dem die Werte einer militärischen Subkultur (= Unterkultur, Teilkultur) zu allgemeingesellschaftlichen Leitwerten erhoben sind: so etwa die Befürwortung hierarchischer Ordnungen und Befehlsstrukturen (Überordnung – Unterordnung) in Organisationen, die Betonung persönlichen Kampfesmuts und persönlicher Opferbereitschaft, die Hervorhebung der Notwendigkeit einer heroischen (= heldenhaften) Führerschaft in extremen Bewährungssituationen sowie, grundlegend für all dies, eine Überzeugung von der Unausweichlichkeit bewaffneter Konflikte innerhalb des internationalen Staatensystems und folglich von der Notwendigkeit der Schaffung der für das Austragen solcher Konflikte erforderlichen Voraussetzungen. Um die Wende zum 20.Jahrhundert war die europäische Gesellschaft zu einer in diesem Sinne weitgehend militarisierten Gesellschaft geworden. Der Krieg wurde nicht länger als Angelegenheit einer feudalen Herrscherklasse oder einer Gruppe von Berufsmilitärs betrachtet, sondern als eine Sache des ganzen Volkes. Die Streitkräfte galten nicht mehr als Bestandteil des königlichen Haushalts, sondern als Verkörperung der Nation. Monarchen hoben ihre Rolle als nationale Führergestalten dadurch hervor, dass sie so oft wie möglich in Uniform auftraten; Militärparaden, Militärkapellen und militärische Zeremonien lieferten der Nation ein Selbstverständnis, mit dem sich alle Klassen identifizieren konnten. Denn der militaristisch geprägte Nationalismus war kein rein bürgerliches Phänomen (keine rein bürgerliche Erscheinung).” (Michel Howard: Der Krieg in der europäischen Geschichte, München 1981, S. 147)

Bilduntertitel: “Du, der Lehmann ist Fähnrich geworden!” – “Sieh mal an, und sein Vater lief noch als Landgerichtsdirektor rum.”
Aus: Der bunte Rock, Album von E. Thoeny, 1907? | Vergrößerung

Der preußische Militarismus

Der preußische Militarismus war also bei Weitem keine isolierte deutsche Sache, andererseits war der Militarismus im Kaiserreich aufgrund der preußischen Tradition und der besonderen Umstände der nationalen Einigung durch Kriege natürlich ausgeprägt. Nicht nur der jeweilige Kaiser, sondern auch Bismarck trat gerne in Uniform auf; Wilhelm II. war ein Uniformliebhaber. Das Militär war in der Öffentlichkeit überall sichtbar, vergleiche das Artikelbild  “Frühschoppen beim Pschorr”. Die Armee galt als “Schule der Nation”, in der Heiratsanzeige konnte auch der militärische Dienstgrad erwähnt werden. Der Schutzmann (Polizist) war Autoritätsperson, wer eine Anstellung wollte, wurde gefragt, ob er “gedient” hatte (= seinen Militärdienst absolviert hatte). Der Sedanstag, also der Tag der Gefangennahme des französischen Kaisers Napoleon III. bei Sedan im Deutsch- Französischen Krieg, wurde jedes Jahr feierlich begangen. Carl Zuckmayers Stück “Der Hauptmann von Köpenick“, in dem ein Arbeitsloser in geliehener Uniform von der Straße weg Soldaten rekrutierte und mit ihnen das Rathaus von Berlin- Köpenick besetzte, beruht auf einer wahren Begebenheit und schildert den täglichen Militarismus auf unterhaltsame Weise. Man war sich einig, dass ein solcher Vorfall nur in Preußen möglich war.

Die Aufrüstung zur See und zu Lande passte zwar ins militaristische Bild, war aber doch viel eher eine Folge neuer politischer Ziele (“ein Platz an der Sonne”, “Weltpolitik”), des europäischen Wettrüstens, der geographischen Mittellage Deutschlands zwischen europäischen Großmächten und konkret des Schlieffenplans. Stichworte hierzu sind “Deutsches Bündnissystem unter Bismarcks Nachfolgern” sowie “Erster Weltkrieg”.

Links:

Audio “Militarismus im Kaiserreich”, 04:14 min, 996 KB

Lied “Wer will unter die Soldaten”.
Audio
ingeb.org

Text zum Lied “Wer will unter die Soldaten.”
altearmee.de

Die Wacht am Rhein (Lieb Vaterland, magst ruhig sein)
Audio
Häufig bei offiziellen Anlässen gesungen
ingeb.org

Militärstaat Preußen – Das preußische Militär: Ein Staat im Staate?
preussen-chronik.de

Aufgaben:

  1. Basisfrage: Was versteht man unter “Militarismus”?
  2. Denkfrage: Der Militarismus gilt als eines der ganz typischen Kennzeichen des Kaiserreichs. Stimmt diese Aussage? Wenn ja, woran könnte man sie festmachen?
  3. Höre dir das Audio “Wer will unter die Soldaten” an und rufe den Text dazu auf.
    Denkfrage: Wieso ist dieses damals bekannte Lied heute in Vergessenheit geraten und was sagt es deiner Meinung nach über das Kaiserreich aus? Zwei Sätze reichen nicht aus.
  4. Denkaufgabe: Beschreibe die farbige Karikatur und deute sie.

Lösungsblätter zum Kaiserreich im

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