Zum Stand der Dinge in Sachen Gemeinschaftsschule in Baden-Württemberg

Blog Pädagogik

Die ersten Erfahrungen mit der Gemeinschaftsschule in Baden-Württemberg liegen langsam vor. Typische Aussagen lauten so:

“Ich fand es sehr schwer auf alle Schüler einzugehen, weil ich wirklich Förderschüler, Hauptschüler, Realschüler und Gymnasiasten hatte.”

Wo früher jede Schulart ein NIveau mit homogener Schülerschaft abdeckte, jetzt also vier Niveaus nicht nur unter dem Dach einer Gemeinschaftsschule, sondern innerhalb einer heterogen zusammengesetzten Klasse. Die1950er Jahre kehren wieder, nur ideologisch begründet. In den 1950ern habe ich selbst erlebt, wie zwei Klassen parallel in einem Klassenzimmer unterrichtet wurden, aber zu Recht wurde das als zu überwindender Mangel betrachtet. Heute haben wir mehr als 2 Niveaus INNERHALB EINER Klasse, gaaanz toll! Der Fortschritt rast!

„Ich hatte eine Klasse mit 27 Schülern – es war unmöglich einen Gymnasiasten auf seinem Niveau zu erreichen und gleichzeitig einem Hauptschüler das Basiswissen zu vermitteln. Meiner Meinung nach sinkt dadurch das Niveau.“

Wer hätte das gedacht? Die Reformkünstler in Stuttgart jedenfalls nicht.

„Der Vorteil einer Gemeinschaftsschule ist wirklich das soziale Miteinander. Kein Schüler wird ausgegrenzt.“

Ist das den fachlichen Niveauverlust wert? Geht soziales Miteinander nicht auch in homogenen Klassen?

„Ich habe in der Klasse auch auf 3 Niveaustufen unterrichtet. Das war sehr viel Arbeit. Die Wochenenden waren immer komplett verplant.“

Wen wundert`s, wenn man sich über Nacht zugleich zum Sonderschullehrer, zum Grund- und Werkrealschullehrer, zum Realschul- und Gymnasiallehrer zugleich gewandelt sieht? Außerdem: 3 Niveaustufen im Unterricht bedeuten ja wohl logischer Weise auch 3 verschiedene Klassenarbeiten? Aber der Lehrer als solcher ist eh ein „fauler Sack“ (Ex-Bundeskanzler Schröder), dem kann man immer noch was draufbürden.

„Gegenseitige Hilfe gab es fast nicht, weil jeder Schüler auf seinem Leistungsstand gearbeitet hat und unterschiedliche Arbeitsblätter bearbeitet hat.“

Wer hätte das gedacht? Da fällt man ja aus allen Wolken.

„Die Differenzierung wird nur in den Hauptfächern durchgeführt. Nur in Einführungsstunden oder Wiederholungen kamen kurze Unterrichtsgespräche zustande. In Nebenfächern wird auf einem niedrigeren Niveau unterrichtet – dafür kamen Gespräche zustande.“

In Hauptfächern also viele, viele Arbeitsblätter, in Nebenfächern Verzicht auf das oberste Niveau. Geniale Lösung.

„Noten gibt es keine mehr. Es gibt nun Kompetenzen. Jeder Schüler erhält von jedem Fach einen kleinen Text mit seinen Leistungskompetenzen.“

Und wie sieht das aus? Darüber entscheidet bisher die jeweilige Schule, denn: „Die Lehrer/innen haben keinerlei Hilfe bzw. Vorgaben bekommen, wie ein derartiges Kompetenz – Zeugnis auszusehen hat.“ Wie demokratisch! So werden die Kollegen/innen mitgenommen und keine(r) bleibt zurück! Jede Schule darf selbst bestimmen, wie es geht! Und wie praktisch und Arbeit sparend zugleich für die Behörde!

„Die guten Schüler wollen immer gerne wissen, was für eine Note sie in einer normalen Schule hätten.“

Ich lach` mich schlapp.

Derzeit arbeitet eine Kommission an einem neuen Bildungsplan für die Gemeinschaftsschule. Sie ist aus 2 Kollegen/innen aus der Grund- bzw. Werkrealschule, aus zwei Kollegen/innen aus der Realschule und 2 Kollegen/innen aus dem Gymnasium zusammengesetzt. Wie man hört, soll das neue Opus so breit werden, dass man auf eine Printausgabe wohl verzichten wird. Nicht-Gemeinschaftsschulen sollen in der Ausstattung benachteiligt werden, um Anreize für die Schaffung von Gemeinschaftsschulen zu setzen.

Was bedeutet das alles für das Geschichtszentrum? Es stellt nach wie vor Material auf dem alten gymnasialen Niveau zur Verfügung. Eine Aufsplittung in drei oder gar vier verschiedene Niveaus kann und will ich nicht leisten. Wer will, findet für das gymnasiale Niveau passende Materialien und Aufgabenstellungen und kann mit wenig Zeitaufwand fundierten Unterricht machen. Wie allerdings – bei allem Respekt für die fachliche Qualifikation und Leistung der Kollegen in den Gemeinschaftsschulen – der fehlende Hintergrund des Fachstudiums als Voraussetzung für hohes fachliches Niveau kompensiert werden soll, bleibt das große Rätsel, auf das die Schulreformer in ihrer Weisheit aber sicher auch noch eine tolle Antwort finden werden, die mindestens so überzeugen düfte wie ihr bisheriges Reformwerk.

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