Kolumne am Donnerstag – Deutscher Beitrag auf der Biennale in Vendig 2013

Der deutsche Beitrag auf der Biennale in Venedig? Weder findet er im deutschen Pavillon statt noch wird Deutschland durch einen deutschen Künstler repräsentiert. Er ist gar keiner, er wird nur von Deutschland, sprich vom deutschen Steuerzahler, mitfinanziert.

Wie das geht? Das liest man in der führenden deutschen Kunstzeitschrift, pardon, führenden Kunstzeitschrift in Deutschland:

Deutschland und Frankreich tauschen die Pavillons. Anlass ist der 50. Jahrestag des deutsch-französischen Freundschaftsvertrags.

Da hat man doch glatt den Pavillion mit seiner Nazi-Fassade von 1938 den Franzosen angedreht! Schleicht sich da etwa jemand durch die Hintertür aus der Schuld? Wirkt da etwas Unerlaubtes im Unbewussten der Veranstalter?

Soweit so interessant, aber noch nicht global genug: “Statt die deutsch-französischen Brziehungen zu thematisieren, suchte sie (die Kuratorin Dr. Gaensheimer) nach einem größeren, globalen Kontext und lud vier Künstler ein, von denen drei gar nicht aus Europa stammen. Der bekannteste, Ai weiwei, kommt aus China, die Fotokünstlerin Dayanita Singh wurde in Neu-Delhi geboren, der Fotograf Santu Mofokeng lebt in Südafrika, und Romuald Karmakar, ein Berliner Filmemacher, hat einen französischen Pass.” (art) Das ist das Mindeste, ein deutscher Pass wäre ein Ausschlusskriterium gewesen.

Und was soll das? “Damit wolle sie betonen, dass Deutschland längst ein Einwanderungsland sei.” (art) Ach nee, echt? Wär ich von alleine nie drauf gekommen, eehhhhhrlich. Nie gehört, nie gesehen, ich gehe immer mit geschlossenen Augen durch die Straßen. In meinen Schulklassen sitzen ausnahmslos Autochthone. Wie gut, dass der Kunstbetrieb Nachhilfe leisten und mich aufklären kann. Da weiß man wenigstens gleich, welche riesige Relevanz er besitzt. Er öffnet den Blick auf gaanz neue Dinge!

“Das sind alles Künstler, die ein festes Standbein in Deutschland haben”, sagt Kuratorin Susanne Gaensheimer. (art)

Das finde ich gut, ganz ohne Ironie. Kunst, Wissenschaft, Fußball ist heute global vernetzt, wie alle wissen, das ist prima, es fördert alle und es muss so sein. Aber wer nun den deutschen Beitrag zum internationalen Netzwerk erwartet hat, so wie das beim Fußball der Fall ist, sieht sich als rückständiger Trottel entlarvt.

Denn weil es zu Recht ein internationales Netzwerk der Künste und der Kunst gibt, MUSS die Kuratorin natürlich den deutschen Beitrag auf der Biennale AVANTGARDISTISCH ins Globale auflösen, das ist doch LOGISCH. Sie ist gaaaaaaaaaannnz weit voraus, sie blickt durch, sie zeigt uns den Weg des Fortschritts in die EINE WELT voll FRIEDEN, FREUDE, EIERKUCHEN, immer zusammen mit anderen ganz gescheiten Avantgardisten der Kulturschickeria und ihres medial- politischen Netzwerks.

Ich verstehe: Kunst ist ja so ORIGINELL und UNANGEPASST, da muss man natürlich MUTIG und voller ZIVILCORAGE ein solches Zeichen setzen, und die dummen kleinen deutschen Spießer gaaaanz weit hinten und ameisenklein hinter soo viel Avantgarde, die Provinzler, wie ich einer bin, dürfen natürlich brav solchen tollen, symbolischen Veranstaltungen als Steuerzahler finanziell unter die Arme greifen. Nein, dazu sind sie nicht zu doof. Immerhin geht es dem Vernehmen nach um 500.000 bis 600.000 Euro Sockelfinanzierung durch das Auswärtige Amt des Herrn Westerwelle, Genaueres lassen die Herrschaften nicht heraus.

Die Welt reibt sich derweil die Augen oder langt sich ans Hirn oder lacht sich einen ab über so viel bemühte, deutsche “Fortschrittlichkeit” und “Weltoffenheit”. Ja, das ist typische deutsch, auch wenn diese Leute es in ihrer selbstzufriedenen Überheblichkeit gar nicht bemerken.

Um nicht falsch verstanden zu werden: Ja, zu einem deutschen Beitrag kann es auch gehören, verfolgte Künstler zu präsentieren. Ja, es kann und soll auch möglich sein, Künstler, die ein festes Standbein in Deutschland haben, im deutschen Pavillion auszustellen. Ja, die Vernetzung von Kunst darzustellen, gehört in einen nationalen Pavillion. Was aber ungehörig ist, ist die Auflösung des nationalen Beitrags, wenn man von nationalen Insitutionen zumindest teilweise lebt. Wer durch die Welt floatet und gar keine nationale Identität mehr besitzt, sollte allein oder mit Gleichgesinnten private, und das heisst auch privat finanzierte Ausstellungen machen, irgendwo auf der Welt, das wäre in Ordnung.

Ich fürchte aber, dass sich keine Organisatoren finden werden, und selbst wenn, dass man sich dann über die Ausrichtung oder an der Person der Kuratorin / des Karators zerstreitet oder an beidem,  dass es am Finanziellen scheitert und dass außerhalb der hoch entwickelten Länder auch die Infrastruktur fehlt. Selbst wenn man sich auf die UNO stützen sollte, wollen wir doch nicht vergessen, dass auch diese von nationalen Beiträgen lebt und deshalb als Veranstalter unehrlich wäre.

Es ist also unter dem Strich bequemer, sich auf nationale Instutionen, Gelder und Strukturen zu verlassen, dabei nicht schlecht zu verdienen und im Geiste idealistisch zu der Einen Welt vorauszueilen, egal, wie groß der innere Widerspruch zwischen Idee und Wirklichkeit auch sein mag, aber die Idee diskreditiert es doch. Natürlich kann man gedanklich  ins Wolkenkuckucksheim enteilen, aber der Nationalstaat hat noch lange nicht ausgespielt und die internationalistischen Macher haben das auch genau begriffen, und deshalb wird bis auf Weiteres alles so bleiben, wie es ist.

Links:

Biennale von Venedig

ifa Institut für Auslandsbeziehungen: Biennale Venedig

Künstlerbiografien

Ai Weiwei – Disposition
Zuecca Project Space and Sant’Antonin Church
Ai weiwei hat auf der Biennale 2013 mehr Eisen im Feuer als nur den getauschten deutschen Pavillion.

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