Blog – Das Forschungsprojekt segu – selbstgesteuert-entwickelnder Geschichtsunterricht

Blog Pädagogik

Was soll Unterricht mit Online- Materialien und Lernplattformen bringen? Das Forschungsprojekt segu – selbstgesteuert-entwickelnder Geschichtsunterricht will Antworten auf die Frage finden, ob und wie sich ein gebundenes Unterrichtskonzept zum individuellen und selbstgesteuerten Lernen im Geschichtsunterricht der Sekundarstufen sinnvoll verwirklichen lässt.

segu – Homepage
17. März | segu wird zwei Jahre alt | Positionsbestimmungen und Fragen

Ich habe dazu zur eigenen Positionsbestimmung hinter dem Geburtstagsartikel folgenden Beitrag gepostet:

——— Beginn des Postings———

Herzlichen Glückwunsch, segu, zum zweiten Geburtstag!

Mein Geschichtszentrum hat in diesem Jahr ebenfalls Geburtstag, es wird in kommenden November 10 Jahre alt. Aus diesem Grund versuche ich mal einen kleinen Vergleich der Ansätze, Intentionen und Ewartungen. Das ist auch für mich selbst ganz aufschlussreich, vergewissert man sich doch erst im Vergleich.

segu
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1.
segu will, dass der Schüler selbstgesteuert selbstentwickelnd lernt. Der Schüler soll sich aussuchen, was er lernt, wie schnell er lernt und mit wem er lernt.

2.
Der Schüler soll die Module selbst auswählen und bearbeiten. Dabei werden verschiedene Modultypen bereit gestellt, die unterschiedlichen Aufgabentypen entsprechen.

3.
Wohl aus Gründen der Praxis, wie ich vermute und auch gut finde, stellt segu einen Planer zur Verfügung, in dem der Lehrer dem Schüler einen Überblick gibt, welche Module der Schüler bearbeiten soll (Pflicht; Basismodule) und kann (Kür; Wahlmodule). Der Schüler trägt die bearbeiteten Module ein. Der Lehrer stellt das Thema und trägt ein, wo die Module auf der Homepage zu finden sind. Er trägt auch den Bearbeitungszeitraum ein. Der Schüler notiert die bearbeiteten Module.

Anschließend erfolgt die Selbstkontrolle des Schülers anhand einer vom Lehrer ausgelegten Lösungsdatei. Am Schluss erfolgt eine Integrationsphase durch die Datei “Wissen vernetzen”.

Ich vermute: 1. und 2. auf der einen Seite dürften ja in der Praxis wohl durch 3.auf der anderen Seite stark eingeschränkt, wenn nicht gar aufgehoben werden. Auf jeden Fall dürfte es ein Spagat sein.

Geschichtszentrum
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Das Geschichtszentrum will den selbstständig arbeitenden und selbstständig denkenden Schüler. Der Schüler, der selbstgesteuert und selbstentwickelnd lernt, ist da eher eine Idealvorstellung für einen Endzustand, den in der Praxis wohl in den allermeisten Fällen erst Studenten zu erreichen in der Lage sind.

Zur Erreichung des Ziels geht das Geschichtszentrum ähnliche Wege wie segu, benutzt aber teilweise andere Instrumente. Wie bei segu stehen die Materialien des Geschichtszentrums kostenlos im Internet, allerdings organisiert als Lernplattformen im alten Geschichtszentrum und als Lernpakete im neuen Geschichtszentrum. Den Kern bildet immer ein Basiswissentext, um den herum weitere Materialien gruppiert sind bzw. sein können und unter dem sich meist Aufgabenstellungen befinden.

Statt unterschiedlicher Module benutzt das Geschichtszentrum unterschiedliche Typen von Aufgabenstellungen, bezogen auf  unterschiedliches Lernmaterial. Die Themen sind so umfangreich, dass Basisthemen und Wahlthemen automatisch ausgewählt werden müssen, sei es durch den Lehrer, sei es durch den Schüler.

Statt dem Planer benutzt das Geschichtszentrum den Lernplan oder die Aufgabenliste der Lernplattform lo-net2.

Die Bemühungen von segu und Geschichtszentrum gehen also unübersehbar in dieselbe Richtung, sind aber doch nicht ganz deckungsgleich.

1. Steuerung des Schülers

Klar ist für jeden Praktiker, und darin besteht zwischen segu und Geschichtszentrum Einigkeit, dass der Schüler der Steuerung bedarf. Er überblickt nämlich den Stoff und seine Relevanz nicht. Also braucht er einen Materialset, der den Kern der Unterrichtseinheit abdeckt. Schon darin liegt Steuerung. Dann erfolgt die Steuerung durch jede Art der Aufgabenstellung, denn ohne Aufgabenstellung weiß der Schüler nicht, was er machen soll. Wenn man genau hinschaut, bedeutet da “selbstgesteuert” nur noch, dass er nach Erledigung der Basisaufgaben wählen kann, ob oder welche Zusatzaufgabe(n) er noch macht, unter Umständen auch noch, ob er eine Aufgabe allein, mit Partner oder in der Gruppe machen darf und ob er sie im vorgegebenen Rahmen (Steuerung!) sofort oder etwas später macht. So verstanden ist Selbststeuerung eigentlich nicht mehr viel. Wenn man dann noch den Zeitdruck bedenkt, unter dem sich Geschichtsunterricht in der Praxis abspielt, und wenn man weiß, dass dieser ständig nach mehr und intensiverer Steuerung durch den Lehrer verlangt, dann kommen eigentlich erst die Relationen in den Blick.

“Selbtsentwickelnde” Schüler nun gar sind ja erst im Rahmen komplexer Fragestellungen möglich, und die kosten bekanntlich Zeit ohne Ende.
Was das Wahlverhalten des Normalschülers bei Aufgaben angeht, hier ein kleiner Artikel “Der Schulalltag schlägt wieder zu.”

2. Der selbstständige Schüler

Die Voraussetzung für den selbstentwickelnden Schüler ist einer, der selbstständig arbeiten und denken kann. Ich persönlich bin hoch zufrieden, wenn ein relevanter Prozentsatz der Schüler im Stande ist, nur selbstständig zu arbeiten, was in der Praxis heißt, die Aufgabenstellung und die Texte zu  verstehen und mit der Technik klar zu kommen. Wenn das erreicht ist, ist schon viel erreicht, vgl. den hier verlinkten Artikel aus der Praxis: “Alles so doll mit dem Computer

3. Die Rolle des Lehrers

Die Achillesferse des selbstgesteuerten und selbstentwickelnden offenen Unterrichts aber auch des herkömmlichen Arbeitsunterrichts, in dessen Tradition ich stehe – mein Lehrer war H.D. Schmid: Fragen an die Geschichte ist die Selbstevaluation am Schluss. Das große Missverständnis besteht aus meiner Sicht erstens darin, dass der Schüler seine Arbeitsergebnisse mit der Lösung korrekt abgleicht. Aber selbst wenn er das gemacht hat, hat er meist noch nicht oder nicht voll umfänglich begriffen, was er eigentlich als Lösung zu Papier gebracht hat. Nach meiner Erfahrung kommt er zu teilweise ordentlichen Lösungstexten, ohne wirklich die relevanten Sachverhalte verstanden zu haben. Sie übernehmen nämlich Teile von Sätzen aus den vorgegebenen Materialsets.

Und da sind wir bei der Rolle des Lehrers. Es ist natürlich schön und macht Spaß, Aufgaben über eine längere Zeitspanne hinweg und nicht im Frontalunterricht zu lösen, aber für das Verständnis historischer Zusammenhänge und für den systematischen Aufbau von Begriffen bedarf der Schüler der Hilfe des Lehrers, der ihn intellektuell anleiten muss, das sage ich in aller Deutlichkeit. Ein Lösungspapier greift da zu kurz. Diese intellektuelle Führung geht auch nicht so, dass man die Sachlage jedem von 25 oder 30 Schülern jedesmal einzeln erklärt, sondern das muss aus Zeit- und Effizienzgründen in einer Plenumsphase geschehen, und die macht oft weniger Spaß, weil hier wirklich konzentriert gearbeitet werden muss, und das ziemlich lange am Stück, oft eine Stunde lang. Je länger die Selbstarbeitsphase des Schülers, desto länger die Plenumsphase. Ohne Plenumsphase bleibt nicht viel hängen, behaupte ich. Intellektuelle Führung durch den Lehrer im Unterricht ist eine Führung hin zum selbstständigen Denken. Ohne sie kann der Schüler intellektuelle Selbstständigkeit niemals erreichen.

Die Selbststeuerung des Schülers kann sich im Normalfall neben den oben genannten Beschränkungen also auch intellektuell nur auf die Erarbeitung von Fakten für eine Diskussion beschränken. Dass der Schüler, gar der Mittelstufenschüler, von sich aus den Stoff allein oder mit Lösungshilfe intellektuell durchdringen kann, halte ich für eine Illusion.

Ich habe segu in meiner blogroll verlinkt, weil ich es für eine tolle Sache halte, auch wenn meine Erwartungen  nicht ganz so hoch gespannt sind. Wenn ich das Logo verwenden und verkleinern darf, stelle ich auch einen extra Link auf meine Sidebar.
Ich werde diesen Kommentar auch als Artikel in meinem Blog zur Pädagogik veröffentlichen.

Weiterhin viel Erfolg bei der Arbeit.

Mit freundlichen Grüßen

Wolfgang Currlin

——— Ende des Postings———

 

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