Blog – Alles so doll mit dem Computer

Alles so doll mit dem Computer. Er verändert die Schule grundlegend. Er steigert dies und fördert das, und sogar Kompetenzen wie Selbständigkeit und Lesefähigkeit werden gefördert. Alles so schön fortschrittlich, schöne neue Computerwelt im Klassenzimmer!

Die Realität fühlt sich weniger euphorisch an, als die Begeisterungsausbrüche der Computerindustrie vermuten lassen. Ein Beispiel.

Neulich war Elternsprechtag. Eine Mutter kam mit einer Liste von Beschwerdepunkten, die sie mit ihrem Sohn aufgeschrieben hatte, insgesamt etwa eine halbe DIN A4 Seite. Sohnemann besucht eine Klasse, in der der Computer als Arbeitsinstrument kontinuierlich eingesetzt wird. Der Schler hat eine 2 Jahre lange einstündige Einführung in die Arbeit mit dem Computer hinter sich. Was war zu beanstanden?

1. Er versteht die Aufgabenstellung nicht.

Die Aufgabenstellung zu verstehen, ist Grundvoraussetzung für selbstständiges Arbeiten, doch der Schüler steht mit seinem Problem nicht allein da, auch andere haben Schwierigkeiten, die Aufgaben zu verstehen. Natürlich wird die Aufgabenstellung im Klassenplenum erklärt, bevor der Schüler sich an den Rechner setzt, auch zweimal und ausführlich, es nützt aber nur bei einem Teil der Schüler etwas. Wenn man als Lehrer die Runde macht, merkt man, dass man viele Schüler noch viel individuelle Hilfestellung benötigen, bevor sie sich der Lösung ihrer Aufgabe zuwenden können.

Der Schüler ist erstens im Plenum nicht gewohnt, konzentriert zuzuhören, und zweitens arbeitet er normalerweise nicht selbstständig. Er ist deshalb unsicher und hat weder Routine noch Selbstvertrauen. Die Probleme legen sich erst im Laufe der Zeit, dadurch dass er die Selbstständigkeit in jeder Stunde einübt und vertieft. Das kann ein halbes Jahr dauern. Diese Zeit bedeutet für ihn eine anstrengende Umstellung.

2. Er findet die Texte zu schwer. Die Bearbeitungszeit reicht nicht aus.

Auch diese Klage kommt regelmäßig, obwohl nur verlangt wird, einen Stichwortzettel in Form einer Liste anzulegen. Der Stichwortzettel ist eine Arbeitstechnik, die in Klasse 5 eingeübt werden sollte. Besprochen wurde er wahrscheinlich auch, aber es fehlt die Übung.

Ich zeige also, wie man eine Liste erstellt und welche Wörter man weglassen kann. Ich mache es vor: Text nach Word kopieren. Ersten Listenpunkt anlegen. Dann Text durchgehen und weitere Listenpunkte anlegen. Dann kürzen. Ich demonstriere auch den Nutzen des Stichwortzettels, indem ich mit seiner Hilfe Kurzvorträge vor der Klasse halten lasse. Alles ist anschaulich.

Dennoch: Es ist, als müsste man völlig neu anfangen, und dieser Schein trügt wohl auch nicht, denn offensichtlich wird diese Arbeitstechnik im Normalunterricht nicht genügend eingeschliffen. Auch hier kann es einige Wochen dauern, bis die Basistechnik sitzt, auch das erfordert vom Schüler Anstrengung.

3. Er findet auf der Lernplattform nicht ins Internet- Klassenzimmer und versteht auch nicht richtig, mit dem Textverarbeitungsprogramm umzugehen.

Es gibt Schüler, die technisch versiert und in der Lage sind, ihr E-Mail-Postfach sicher und routiniert einzusetzen. Wer einen technikabstinenten oder gar technikfeindlichen häuslichen Hintergrund hat, tut sich aber schwer damit. Die Lernplattform lo-net2, die ich benutze, orientiert sich in der Machart am E-Mail-Postfach.

Wie lege ich eine Tabelle an? Wie schließe ich die leere Seite?  Zwei Jahre Computerunterricht sind verloren, wenn die Dinge zu Hause nicht gepflegt werden. Leider gibt es immer wieder Schüler, die bei Null anfangen müssen, und für die summieren sich die Probleme. Auch hier sind Wochen nötig, um die Defizite und Schwierigkeiten zu beheben, aber auch das ist normal.

Am Anfang summieren sich also die Widerstände: der Kampf mit dem Aufgabenverständnis, der Kampf mit dem Textverständnis und der Kampf mit der Technik. Es wundert nicht, dass die Schüler am Limit sind.

Der Computer steigert dies und fördert das, und sogar Kompetenzen wie Selbständigkeit und Lesefähigkeit werden gefördert? Ja, das stimmt, aber es ist schweißtreibend und macht am Anfang durchaus nicht immer Spaß, aber es lohnt sich.

3 Kommentare zu “Blog – Alles so doll mit dem Computer

  1. Ich erinnere mich noch an mein erstes Semester an der Uni anno 2001. Da war die Einführung in die EDV (so hieß das da noch) Pflicht und lief ähnlich ab. Es ist aber auch schön zu hören, dass es mittlerweile auch schon andere Ansätze gibt Computer im Unterricht zu nutzen oder sich die Nutzung der Kinder (Spiele) einzubinden. Einen ganz spannenden Beitrag dazu fand ich gerade bei SWR2 Wissen mit dem Thema Daddeln und Denken –
    Computerspiele zwischen Spaß und Pädagogik (http://www.swr.de/swr2/programm/sendungen/wissen/daddeln-und-denken/-/id=660374/nid=660374/did=10637942/1idax01/index.html). Finde ich hörenswert.

    • Ich habe selber keine Erfahrung mit dem Einsatz von Compterspielen im Unterericht. Das hat aber auch Gründe.

      Erstens: Bevor ich ein Spiel im Unterricht einsetze, muss ich es erst kennen. Dazu muss ich es mir kaufen und anhören. Dass es einsetzbar ist, ist aber unwahrscheinlich, denn

      Zweitens: Die Unterrichtszeit ist knapp, vor allem in meinem Fach, Geschichte; spielen aber dauert lang. Außerdem braucht es Einarbeitungszeit.

      Drittens: Ich muss damit rechnen, dass das Spiel im Netzwerk nicht läuft. Und selbst wenn:

      Viertens: Dann müssste ich eine Schullizenz kaufen. Dass ich das Geld hierfür bekomme, ist unwahrscheinlich. Aus Bürokratiegründen müsste ich mit einem Vierteljahr rechnen, bis ich es hätte. Bis dahin ist der Unterricht schon ein paar hundert Jahre weiter.

      Fünftens: Wenn ich im Unterricht ein Computerspiel einsetze, steigen mir hundertprozentig die Eltern aufs Dach.

      Ehrlich: Ich glaube nicht, dass Computerspiele im Unterricht eine nennenswerte Chance hat.

  2. Serious Games: Was für die Schule vielleicht – meiner Meinung nach – nicht so geeignet ist, kann für daheim ganz prima sein. Habe mal ein paar offizielle Links gesammelt:

    http://www.mediengewalt.de/spiele/beste-lernspiele.htm

    http://www.bundespruefstelle.de/bpjm/Jugendmedienschutz-Medienerziehung/Computer-Konsolenspiele/10-tipps-fuer-erziehende,did=107134.html

    http://www.kindermedienland-bw.de/3506.html

    Vielleicht wissen andere mehr?