Verbände fordern plötzlich Grunddigitalisierung der Schule

Der Verein für Gemeinschaftsschulen, der Berufsschullehrer Verband, die Bildungsgewerkschaft GEW, der Grundschule Verband und der Verband Bildung und Erziehung (VBE) fordern eine Grunddigitalisierung der Schule.

Das ist löblich. Nur, wo waren sie denn bisher? Carsten Reese, der oberste Elternvertreter in Baden-Württemberg, stellt fest: „Wie viele Jahre wurde die Digitalisierung verschlafen vom Ministerium? Es ist ein Offenbarungseid der Unfähigkeit der Landesregierung, den jetzt alle sehen.“ (SchwäZ)

Das ist wohl wahr, aber es betrifft auch die Verbände und die Parteien. Die GEW etwa, die sich seit Jahrzehnten als Speerspitze des Fortschritts aufspielt, ist seit Jahrzehnten ein Bremsklotz. Im Zusammenhang mit der Digitalisierung ging es immer nur um Warnungen und Gefahren, nie um neue Möglichkeiten und Vorteile. Immerhin, die Damen und Herren scheinen endlich aufzuwachen.

Wenn man jetzt schaut, was die Verbände fordern, so zeigt sich ihr eigenes Versagen. Bei der Forderung nach technischer Grundausstattung fehlt die Forderung nach einem Projektionsgerät in jedem Klassenzimmer als Teil dieser Grundausstattung. Das ist typisch für Leute ohne Praxis.

Sie treten für Tablets für jeden Schüler und Lehrer ein statt für BYOD (Bring Your Own Device = Bringe dein eigenes Gerät mit). BYOD ist entschieden viel billiger und funktioniert technisch besser, weil die Schüler ihre Geräte kennen und selber die Wartung übernehmen. Sie aktualisieren die Geräte auch immer.

Gegen die Lernplattform Moodle haben sie offenbar auch nichts einzuwenden, obwohl dieses Teil nicht nur viel zu komplex und schwer zu bedienen, sondern auch mit Installationsarbeiten und Verwaltung durch die Schulen verbunden und belastet ist, was bei einer gekauften Plattform entfallen würde. Sogar die unfähige Schulpolitik hat erkannt, dass eine neue Lernplattform erforderlich ist, aber statt diese zu kaufen, ist man bekanntlich mit der Entwicklung einer eigenen staatlichen Plattform teuer gescheitert.

An den schulischen Medien Entwicklungsplänen hält man fest, will sie lediglich entbürokratisieren. Dass die Schulen damit überfordert sind, will man genauso wenig zur Kenntnis nehmen wie die Tatsache, dass es reicht, wenn jede Schule eine technische Grundausstattung hat, während die Frage der pädagogischen Konzeption sich auf die Arbeit mit einer Lernplattform konzentrieren muss, wobei die Einweisung in diese und das pädagogische Konzept im Rahmen der Lehrerfortbildung von oben erfolgen muss, da an den einzelnen Schulen die Kompetenz hierfür fehlt.

Dass GEW- Chefin Doro Moritz jetzt die Schulbehörde anmahnt, „die Lehrer für den Umgang mit digitalen Methoden fit zu machen“, zeigt, dass sie über diesen Gemeinplatz hinaus seit Jahrzehnten auch kein Konzept vorzuweisen hat.

Schön wäre auch, wenn die Verbände zwischen Fernunterricht und der Standardsituation des Präsenzunterrichts im Klassenzimmer unterscheiden könnten. Der derzeitig erforderliche Fernunterricht setzt den Umgang mit Webinarsoftware voraus, der im Schulalltag nur eine Randsituation darstellt.

Was die Verbände unter dem Strich fordern, ist im Kern nichts anderes als das, was Parteien und Schulpolitik seit Jahren ebenfalls fordern, allerdings ohne Erfolg, weil der ganze Ansatz verfehlt ist. Es besteht also kein Grund, sich jetzt groß aufzuspielen, wenn man bisher selbst Teil des Problems war, und so zu tun, als hätte man den großen Durchblick. Gut ist aber, dass jetzt immerhin die Notwendigkeit der Digitalisierung plötzlich stärker erkannt wird.

https://www.schwaebische.de/sueden/baden-wuerttemberg_artikel,-guter-fernunterricht-ist-glückssache-initiative-fordert-eine-grunddigitalisierung-_arid,11216618.html

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