LEHREN AUS CORONA FÜR DIE BADEN- WÜRTTEMBERGISCHE BILDUNGSPOLITIK, UND WARUM SIE SCHEITERN WERDEN

Hätte Baden- Württemberg die Digitalisierung der Schulen nicht seit einem Vierteljahrhundert verschlafen, hätten die Folgen der Coronakrise für die Schulen leicht aufgefangen werden können. Zwar wäre vor der Krise der Unterricht zurecht auf den Präsenzunterricht focussiert gewesen, aber man hätte über eine Didaktik und Methodik des digitalen Unterrichts verfügt, die eingeschliffen gewesen wäre. Von da aus hätte Distance Learning, also das Lernen auf Distanz, relativ einfach bewältigt werden können. Was könnten wir daraus lernen, wenn wir nur wollten?

1. Der zweite Anlauf für die Lernplattform „ella“ sollte sofort gestoppt werden. Er kostet Zeit, die wir nicht haben. Kosten und technischer Erfolg sind ungewiss. Stattdessen sollte eine vorhandene Lernplattform samt deren technischer Unterstützung gekauft werden. Nach Schweizer Vorbild schlage ich WebWeaver vor.

2. Sobald klar ist, welche Lernplattform gekauft wird, muss sofort mit der Ausbildung von Fortbildnern begonnen werden, die die Lehrkräfte in die Arbeit mit der Lernplattform einführen sollen. Die Fortbildung der Lehrkräfte muss von oben wie andere Fortbildungen auch organisiert werden und verbindlich sein. Die Umstellung auf digitalen Unterricht in einem vorher definierten Zeitrahmen muss verbindlich gemacht werden. Neue Lehrkräfte, die nicht digital arbeiten können, dürfen nicht mehr eingestellt werden.

3. Die Methodik und Didaktik des digitalen Unterrichts muss sich am Leitbild eines modifizierten, modernisierten, lernzielorientierten Unterricht orientieren, auf keinen Fall an utopistischen Vorstellungen vom autodidaktischen Lerner. Die Lehrkräfte müssen verstehen, dass es darum geht, sinnvolles, zielorientiertes Lernen pragmatisch mit den Vorteilen der Digitalisierung zu vereinigen statt irgendwelchen Ideologien hinterherzujagen. Die Umstellung vom analogen auf digitalen Unterricht sollte nicht als Revolution, sondern als Evolution begriffen werden. Die Umsetzung dieses Programmteils dürfte am schwierigsten sein und muss mit den Fortbildnern zusammen erarbeitet werden, solange noch die Debatte über die Wahl der Lernplattform im Landtag läuft.

4. Wenn die Sache etabliert ist, muss auch noch als Ausnahme Distance Learning für Notfälle eingeübt werden. Das betrifft zum Beispiel Krankheitsfälle.

Ich bin mir darüber im Klaren, dass die Umsetzung dieser Forderungen auf Widerstand stoßen wird.

  • Die gut vernetzten Utopisten unter den Anhängern des digitalen Unterrichts werden alles tun, um solche Forderungen zu disqualifizieren unter dem Motto: „WLAN- Kabel und Lernstoff 1.0 von gestern passt nicht mehr zu modernen Schulen 4.0″.
  • Die reaktionären Pseudokonservativen lehnen digitalen Unterricht ab, weil sie die Kinder ohnehin nur noch an ihren Geräten hängen sehen. Der Computer ist für diese Kreise Teufelszeug.
  • Die Bildungspolitik hat selbst keinen Plan und wird den Weg des geringsten Widerstandes gehen wollen. Sie quatscht einfach nur das Schlagwort „Digitalisierung“ daher, weil es so gut nach Zukunft, Innovation, Modernität und Nachhaltigkeit klingt.
  • Die Bildungspolitiker und die Kultusbürokratie werden die Verantwortung wie bisher auf die Schulen abwälzen wollen, nach dem Motto“: „Akzeptanz findet sich nur, wenn alle von unten her einbezogen werden. Wir brauchen bottom up statt top down.“ Dass da unten weder ausreichende Kompetenz noch ausreichender Wille vorhanden sind, wird gerne übersehen.
  • Der Durchschnittsbürger hat weder Interesse noch Verständnis dafür, worum es geht. Hintergrund ist die Technikfeindlichkeit in Deutschland. Was soll man von einer Gesellschaft erwarten, die die Zukunft des Verkehrs im Fahrrad und die Zukunft der Energie in Windrädern sieht?

Das bisherige inkompetente Gewürge in Sachen Digitalisierung der Schule wird also weitergehen, aber vielleicht hilft es ja zu sehen, weshalb.

Kommentare sind abgeschaltet.