Prof. Dr. Andreas Schleicher: Wie ein Historiker denken lernen ohne historisches Fachwissen?

Ich stoße erst jetzt auf diese Rede von Prof. Dr. Andreas Schleicher: „Wie Digitalisierung verändert was wir lernen und wie wir lernen“, gehalten auf der Konferenz Bildung Digitalisierung 2018. Prof. Schleicher ist bei der OECD Direktor des Direktorats für Bildung und einer breiteren Öffentlichkeit bekannt als Internationaler Koordinator des Programm for International Student Assessment (PISA-Studien).

Über weite Teile handelt es sich bei der Rede um eine Auflistung schöner und richtiger Ziele, die bisher im Schulunterricht zu kurz kamen. Bei der Frage des Wie, also bei der Frage danach, wie diese Ziele zu erreichen sind, bleibt es unkonkret, in einer zentralen Frage aber falsch.

Der Schüler soll laut Prof. Dr. Schleicher lernen, wie ein Naturwissenschaftler oder Historiker zu denken. Richtig.

Gleichzeitig fordert er: „Wir müssen wegkommen von der Vermittlung von Fachwissen.“ (29:43 min) Das ist falsch, sogar fatal.

Das Problem bei den Digitalisierungseuphorikern, zu denen ich auch Prof. Schleicher zähle, ist, dass sie sich zu wenige Gedanken über die Umsetzung ihrer Ziele machen. Wenn man diese Leute so hört, glaubt man, ohne Digitalisierung, also früher, wäre es nie möglich gewesen, Schülern oder Studenten beizubringen, wie ein Historiker zu denken. Aber das stimmt nicht. Früher war man weit näher dran als heute, weil das Fachwissen und die Fachmethodik im Mittelpunkt stand. Was aber nicht heißt, dass die Digitalisierung heute nicht ganz neue und viel bessere Möglichkeiten als früher böte.

Für mich entfalten sich die fachlichen und fachdenkerischen Fähigkeiten eines Schülers in einem von einem guten Lehrer organisierten und betreuten Prozess. Fachliche Fähigkeit und damit auch Fähigkeit, wie ein Fachmann zu denken, stehen am Ende des Prozesses und nicht an dessen Anfang. (Sie sollten mit einem Abitur erreicht sein, sind es aber in der Praxis häufig nicht.) Auch die methodischen und sozialen Fähigkeiten des Schülers entwickeln sich so. Wer den Fachunterricht und die Vermittlung von Fachwissen abschaffen will, ruiniert die Bildung und das Bildungswesen.

Und zum Fachwissen noch eines: Grundfakten und Grundbegriffe sind unverzichtbar und müssen einfach gelernt werden, egal, was irgendein Medienwissenschaftler oder Digitalisierungsprophet dazu sagt.

https://www.forumbd.de/dialog/rueckblick-konferenz-bildung-digitalisierung-2018/konferenz-bildung-digitalisierung-2018-keynotes/

Hier die Rede auf youtube.

https://youtu.be/lEuRyHVfPfU

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