Wie weit sollte personalisiertes Lernen mit digitalen Medien gehen?

„Ein beispielhaftes (Zukunfts-)Szenario geht so: Die Schüler arbeiten sich mithilfe von Software individuell im Schulstoff voran. Der Algorithmus analysiert die Lerndaten, weiß genau, wo jeder Schüler gerade steht und bietet passgenaue Übungsaufgaben an. Die nächste Stufe wird erst dann angegangen, wenn jemand tatsächlich dazu bereit ist. Auch Wiederholungsbedarf erkennt der Computer und liefert passende Angebote. Endlich werden die Lernenden wirklich „da abgeholt, wo sie stehen“, wie es eine bekannte Floskel schon immer verlangte. Der Software gelingt, was bei vielen Computerspielen Sucht auslösen kann: Sie bietet stets genau richtig schwierige, aber lösbare Herausforderungen an. Keine Überforderung, keine Unterforderung. Mehr Schülerinnen und Schüler haben mehr Erfolgserlebnisse.“

https://deutsches-schulportal.de/stimmen/digitale-kompetenz-ein-smartboard-macht-noch-keinen-sommer/

Klingt nicht schlecht, hat aber Kehrseiten und enge Grenzen.

Ich habe in meiner aktiven Dienstzeit Geschichte und Deutsch mit digitalem Unterrichtsmaterial unterrichtet und dabei auch Lernsoftware eingesetzt, zum Beispiel beim Erlernen der Rechtschreibung. Prinzipiell ist das möglich. Das Programm analysiert die Fehler, besteht auf Wiederholung, erklärt die Regeln, erstellt eine Fehlerstatistik, usw.

In der Rechtschreibung und Zeichensetzung mag das angehen, denn es handelt sich wirklich überwiegend um „Lernstoff“, also etwas, das man sich durch eine Kombination aus Grammatik, Regellernen und Übung aneignen kann, wobei grammatikalisches Wissen schon vorhanden sein muss. Wenn ich nicht weiß, was ein Nebensatz ist, kann ich auch keine Regeln zum Nebensatz anwenden.

Allerdings dürfte es zum einen schon schwierig sein, ein brauchbares gemeinsames Programm für verschiedene Betriebssysteme wie MacOs, Windows oder Android zu bekommen. Mit eigenen Schülergeräten (BYOD) gibt es da Probleme.

Zum anderen ist es auch nicht unbedingt notwendig. Es reicht normalerweise, wenn man unter den Aufsatz notiert, welche Rechtschreib- und Zeichensetzungsfehler besonders häufig auftreten und wenn man dazu entsprechende Zusatzaufgaben auf der Online- Lernplattform bereitstellt. Damit wird zugleich eine individuelle Förderung dokumentiert und der Lehrer ist rechtlich auf der sicheren Seite.

Vor allem aber findet personalisiertes Lernen dort seine Grenze, wo problemorientiertes Lernen erforderlich ist. In Geschichte zum Beispiel ist es normalerweise so, dass in einem ersten Lernschritt Grundwissen vermittelt wird. Aufbauend darauf wird dann problematisiert. Ich versuche also zum Beispiel einen Lehrbuch- oder Quellentext zunächst zu verstehen (Grundwissen, entsprechende texterschließende Fragen) und ihn dann zu problematisieren, zum Beispiel, indem man eine zugrundeliegende Weltsicht oder Theorie oder eine bestimmte Perspektive herausarbeitet und dann weiterproblematisiert. Eine Lernsoftware wird das nicht können, der Schüler allein wird im Normalfall gar nicht auf die Problemstellung kommen, geschweige denn ein angemessenes Lösungsniveau finden. Hier ist der Lehrer gefragt, der im Plenum eine Diskussion oder Debatte moderieren muss.

Damit sind wir auch bei etwas sehr Wichtigem und Grundsätzlichem. Lernen unter Anleitung einer Maschine kann partiell nützlich sein, aber wenn das gesamte Lernen ein Prozess zwischen menschlichem Lerner und Maschine sein soll, wird es ätzend. Lernen braucht zwischenmenschlichen Austausch.

Es reicht auch nicht ein Lösungsblatt, das der Schüler dann mit seinem Arbeitsergebnis abgleichen soll. Erstens funktioniert das meistens auch nur bedingt, zweitens fehlt dabei der lebendige Austausch, selbst wenn die Lehrkraft noch gegenprüft und ein paar Takte mit dem Schüler spricht, was häufig aus Zeitmangel schon gar nicht mehr möglich ist. Der Lehrer darf in seiner Rolle als Organisator und Moderator des Unterrichts nicht eingeschränkt werden, sonst ist zum Beispiel Geschichte als Denkfach gar nicht möglich. Eine Software, die das Fach selbstständig und angemessen unterrichten kann, gibt es nicht. Eine Software ist kein Mensch.

Ein Kommentar zu “Wie weit sollte personalisiertes Lernen mit digitalen Medien gehen?

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