Josef Kraus: Konservative Kritik an der Digitalisierung der Schule

Um es vorauszuschicken: Ich schätze Herrn Kraus sehr wegen seiner klaren pädagogischen Vorstellungen über die Rolle des Lehrers, über die Rolle des Schülers, über Bildung, über die Niveauabsenkung im Bildungswesen, usw., kurz wegen seiner konservativen Pädagogik. Ich teile diese Vorstellungen, komme aber in Sachen Digitalisierung zu gänzlich anderen Schlüssen.
kkk
Josef Kraus liefert ein Paradebeispiel konservativer Kritik, die
kkk
  • kein Verhältnis zum digitalen Lernen hat, weil sie über die Möglichkeiten oft schlicht nicht genügend Bescheid weiß
  • selber oft keine ausreichende digitale Praxis hat
  • nur die negativen oder ausbleibenden positiven Wirkungen falsch eingesetzter Technik sieht, wie sie sich in Studien niederschlagen
kkk
Wenn Josef Kraus fordert
kkk
  • mehr zu lesen
  • mehr Grammatik zu betreiben
  • mehr zu schreiben
  • Information zu Wissen zu verarbeiten
  • dem Lehrer eine entscheidende Rolle beizumessen
  • auf inhaltsentleerte Kompetenzen, etwa einer Powerpointkompetenz mit gleichgültigen Inhalten, zu verzichten
  • den Glauben, alles ließe sich googeln, deshalb brauche man keine Wissensvorräte mehr, zu vergessen
dann hält er, für mich zumindest, Fensterreden. Ich stimme ihm nämlich in jedem Punkt zu. Was ich nicht sehe, ist, dass sich diese Kritik stichhaltig gegen die Digitalisierung der Schulen richten kann.
Wenn Josef Kraus fordert,
kkk
  • der Unterricht müsse auf analoge Bücher statt digitale Dateien setzen
  • man müsse mehr Geld in die Schulbibliothek investieren
  • der Unterricht müsse weniger online, mehr offline stattfinden
dann ignoriert er das Entscheidende, nämlich dass es egal ist, ob ein Text digital oder analog vorliegt, wenn es darum geht, diesen Text zu bringen bzw. ihn in entsprechender Schwierigkeit, entsprechender Länge und Qualität zu präsentieren. Text ist Text, er ist so oder anders, ob er digital oder analog ist, ist egal.
kkk
Es hat aber praktische Vorteile, den Text digital vorzulegen, insbesondere, weil er in digitaler Form mit anderen Materialien egal welcher Form – Text, Video, Audio -beliebig verlinkt und v.a. auch bequem verändert, gespeichert und schnell und selektiv zugänglich gemacht werden kann. Also bietet es sich an, auf digital umzustellen.
kkk
Texte im Schulbereich sollten übrigens im allgemeinen Schultexte bzw. Schulbuchtexte sein, und zwar digitalisierte. Die Polemik gegen Texte aus dem Internet muss und sollte den digitalisierten Unterricht gar nicht betreffen.
kkk
Wenn Herr Kraus mit Studien daherkommt, möchte ich entgegnen:
kkk
Eine beliebte Argumentation bedient sich irgendwelcher Studien, die belegen sollen, wie negativ sich der Einsatz des Computers auf Schüler und Lernerfolge angeblich auswirken.
kkk
Der Punkt ist jedoch: Die ganzen Studien legen nicht offen, WIE bzw. nach welchem PÄDAGOGISCHEN KONZEPT die Rechner im Unterricht verwendet wurden. Erst dann könnten überhaupt aufschlussreiche Vergleiche zum analogen Unterricht gezogen werden. Die von den Studien belegten negativen Effekte würden meist gar nicht auftreten, würde man den Rechner sinnvoll einsetzen. Falsche Pädagogik (Der autonome Lerner, der Lehrer als Lernbegleiter) beim digitalisierten Unterricht verdirbt das Ergebnis.
kkk
Richtig ist natürlich, da hat die konservative Kritik recht, dass Rechner nicht zu früh eingesetzt werden dürfen und etwa das Erlernen der Handschrift nicht verdrängen dürfen. Aber digitale Materialien gar nicht einzusetzen, heißt die praktischen Vorteile der Digitalisierung zu verschenken. Um diese geht es aber, und sie bringen VIEL!
kkk
Kritiker wie Josef Kraus fordern aufgrund ihrer Herangehensweise und Grundannahmen analogen Unterricht. Dieser Blog fordert dagegen den Leitmedienwechsel zum digitalen Unterricht. Die Kombination aus dem Lehrer, der Lernziele definiert, den unterrichtlichen Materialset zusammenstellt und Lösungen bespricht, also dem Lehrer als Strukturierer und Verantwortlicher für den Unterrichts, plus die Nutzung der Vorteile der digitalen Technik sind der Schlüssel zum unterrichtlichen Mehrwert. Worin dieser genauer besteht, habe ich an vielen Stellen unter dem Stichwort Pädagogik schon dargelegt.
kkk
Für mich geht es darum, eine konservative Pädagogik der Bildung, der Leistung und der Lernzielorientierung mit der digitalen Technik zusammenzuführen. Dann wird auch der Mehrwert der Digitalisierung unmittelbar ersichtlich. Das Konzept ist da und es ist unterrichtlich , aber von den Digitaleuphorikern und Digitalutopisten wird es verschwiegen, von konservativen Digitalgegner wird es nicht zur Kenntnis genommen. Dabei wäre es Zeit für eine konservative Reform, sonst setzen sich die Utopisten und die Industrielobbyisten durch.
kkk
Hier das Video mit dem Vortrag von Josef Kraus auf der „2. Frankfurter (In-)Kompetenzkonferenz zur Digitalisierung“ vom 6. Oktober 2018 an der Universität Frankfurt.

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