DAS SPD- POSITIONSPAPIER „FIT FÜR DIE DIGITALE ZUKUNFT“ SETZT DEN HEBEL FALSCH AN

Das SPD- Positionspapier „Fit für die digitale Zukunft“ ist meines Wissens das am detailliertesten ausgearbeitete Papier einer Partei in Baden- Württemberg zur Digitalisierung der Schulen. Dafür gebührt ihr Anerkennung. Auf GUD GeschichtsUnterricht Digital wird es aber kritisch unter die Lupe genommen.

SPD WILL SCHULISCHEN MEDIENENTWICKLUNGSPLAN

Die SPD hat aus dem relativen Scheitern der bisherigen Medienoffensiven des Landes leider nichts gelernt, sondern macht im Kern weiter wie die bisherigen gescheiterten Medienstrategien. Seit einem Vierteljahrhundert etwa versucht das Land Baden- Württemberg, die Medien an den Schulen zu verankern, hat es aber in der Breite zumindest im Bereich der allgemeinbildenden Schulen nicht geschafft, den alltäglichen Schulunterricht auf digitalen Medien zu basieren und damit den längst überfälligen Medienwechsel umzusetzen, auch nicht, als noch die SPD den Kultusminister stellte.

Und warum nicht? Weil man immer im Geleitzug voranschreiten wollte. Vor allem, weil man nicht am individuellen Lehrer angesetzt hat, sondern beim Schulkollektiv, und zwar an allen schulischen Realitäten vorbei. Man kam gar nicht auf die Idee, dass sich die Lehrer aus nachvollziehbaren, aber auch aus inakzeptablen Gründen verweigern würden. Und jetzt kommt die SPD daher, will so weitermachen und will schulische Medienentwicklungsprogramme, und diese auch noch als Voraussetzung für die Zuteilung von Mitteln.

Klingt gut und demokratisch und nach „Wir binden alle ein“, wir zwingen keinem etwas auf, wir nehmen alle mit“, aber leider sehen die schulischen Realitäten so aus:

Die Schulen sind dazu meist gar nicht in der Lage, diesen Plan aufzustellen, weil die Kenntnisse über die Möglichkeiten digitalen Lernens und über die digitale Technik schlicht fehlen.

Die Schulen sind durch die ganzen Reform- und sonstigen Projekte der letzten Jahre und Jahrzehnte ohnehin völlig überlastet: Inklusion, mehrere Lernniveaus in den Gemeinschaftsschulen, Flüchtlingskinder/-klassen, … Weitere kräftezehrende Aufgaben sind den Kollegien nicht zuzumuten und werden auf aktiven oder passiven Widerstand stoßen. Die Kollegen werden die Sache wie bisher mehrheitlich auf die lange Bank schieben.

Wird jetzt die SPD- Forderung nach einem schulischen Medienentwicklungsplan umgesetzt, wird wieder mal wie üblich ein Arbeitskreis gebildet, der einen mehr oder weniger schönen Plan erarbeitet, ihn im Kollegium vorstellt, aber bei der Umsetzung am Desinteresse der Kollegen scheitert. Wertvolle Zeit geht verloren, für nichts und wieder nichts.

DIE REALITÄT BRAUCHT DAGEGEN DIE ENTFESSELUNG DER PIONIERE MIT HILFE EINER SIMPLEN, STANDARDISIERTEN INFRASTRUKTUR! UND ZWAR JETZT!

Die willigen Lehrer müssen JETZT anfangen können! Sie wollen nicht warten, bis der letzte Verweigerer und Bedenkenträger mitzieht. Deshalb muss statt einem wenig kompetenten Gremium überall eine einfache, aber nachhaltig wirksame Infrastruktur geschaffen werden, die es jedem Kollegen ermöglicht, überall, in jedem Klassenzimmer, mit seinem Gerät zu arbeiten, eine Infrastruktur, die dasselbe jedem Schüler ermöglicht. Dann wird sich die Digitalisierung mit Macht Bahn brechen. Es klemmt bisher ganz vorrangig an der Verfügbarkeit der Technik, die verhindert, dass willige Lehrer und die Schüler loslegen können.

SÄULE 1 JEDER DIGITALISIERUNGSSTRATEGIE: INFRASTRUKTUR.
WELCHE TECHNISCHE INFRASTRUKTUR IST ERFORDERLICH, UM DEN DIGITAL INTERESSIERTEN LEHRER ZU ENTFESSELN?

Voraussetzung für die flächendeckende Verfügbarkeit von Internet / IT ist folgende Infrastruktur in jedem Klassenzimmer: Schnelles Internet im letzten Dorf, WLAN, Projektionsgeräte, Projektionsfläche, BYOD, eine Reserve an Schultablets, Lernplattform, Standardprogramme und digitalisiertes Lernmaterial, also eine standardisierte Grundausstattung für alle Schulen. Dazu muss eine funktionierende, mindestens landesweite Lernplattform kommen. Diese Position wurde auf diesem Blog schon immer vertreten.

Zentral neben WLAN und BYOD sind Projektionsgerät und Projektionsfläche. Letztere sind die „Wandtafeln“ der IT. Sind sie da, beginnen die Dinge zu laufen. Die Lehrer nutzen die Möglichkeiten individuell, die pädagogische Freiheit der Lehrer wird nicht angetastet. Sie können ohne zusätzlichen Zeitaufwand und Organisationsaufwand wie Vorbuchung von Computerräumen zur Sache kommen und erfolgreich arbeiten. Der Mann bzw. die Frau wird dann immer weitere Kollegen mitziehen, wenn diese die neuen Möglichkeiten entdecken.

KEINE NEUE LANDESEIGENE LERNPLATTFORM ENTWICKELN, SONDERN VORHANDENE ÜBERNEHMEN!

Nach dem Scheitern von Ella sollte das Land keine neue Bildungsplattform entwickeln, sondern bestehende nutzen und die Verträge dafür aushandeln. Eine mögliche Plattform wäre lo-net2 von Cornelsen oder Edmodo. Wir können uns keine weiteren Zeitverluste mehr leisten, von der Geldverschwendung ganz abgesehen. Das Rad muss nicht jedesmal neu erfunden werden!

SÄULE 2 JEDER DIGITALISIERUNGSSTRATEGIE: FORTBILDUNG

Das Land hat 130 Multiplikatoren für rund 2800 Fortbildnerinnen und Fortbildner ausgebildet. Ab Ende des Jahres laufen angeblich fachbezogene Fortbildungsveranstaltungen.

Gibt es BYOD, beherrschen Lehrer und Schüler ihre Geräte und lernen voneinander. Auch ich selbst habe früher ganz stark vom Wissen meiner Schüler profitiert.

Die Fortbildung des Landes bei der Digitalisierung muss sich deshalb darauf konzentrieren, die Kollegen zu befähigen, mit der endlich zu wählenden Lernplattform zu arbeiten. Alles andere ist sekundär.

Um die Sache voranzubringen, ist sechserlei nötig:

1. Die Ausbildungsseminare müssen digital basiert unterrichten, und zwar in jedem Seminar. Dafür müssen sie selbst ausgebildet und dazu verpflichtet werden.
2. Schulleitung und Fachabteilungsleiter müssen gezielt, zuerst und in besonderer Weise fortgebildet werden. Sie dürfen in den Schulen nicht als Verhinderer auftreten.
3. Im ersten Durchgang müssen die Interessierten fortgebildet werden, danach, nach einem festgelegten Zeitraum, müssen alle Kollegen verpflichtend eine Fortbildung zur Nutzung der Lernplattform erhalten, und zwar so, dass sie hinterher sofort loslegen können.
4. Digital ahnungslose Lehrkräfte dürfen nicht mehr befördert und ins Lehramt übernommen werden.
5. Ab einem bestimmtem Zeitraum, etwa von 5 bis 8 Jahren, sollte es neu nur noch digitale Lehrbücher bzw. digitales Lehrmaterial geben, wofür den Verlagen Zusicherungen gegeben werden müssen. Südkorea verwendet seit Jahren digitale Schulbücher.
6. Eine auf Landesebene angesiedelte Arbeitsgruppe Technik muss ständig die technische und finanzielle Entwicklung auf dem Markt für Projektionsgeräte (Beamer, Monitore, auch Fernsehgeräte) im Auge behalten, Vergleiche zwischen den Geräten durchführen, die Fortbildner und Schulen entsprechend beraten. Hier wäre auch die Zusammenarbeit mit dem lmz oder Kreismedienzentren wichtig.

SPD FORDERT AUFLAGE EINES INNOVATIONSFONDS „DIGITALE ZUKUNFTSWERKSTATT SCHULE“

Dies, um Schulen zu ermöglichen, „die Potentiale digitaler Bildung für besseren Unterricht zu nutzen“. Sie will dafür Mittel in Höhe von 10 Millionen Euro für Schulprojekte, „die Potentiale digitaler Bildung für besseren Unterricht erschließen.“

Wozu? Infrastruktur plus Konzentration der Fortbildung auf den Umgang mit der Lernplattform reicht. Hier muss das Geld reinfließen. Wer gut mit Lernplattformen arbeitet, macht ohnehin einen mehr schülerbezogenen, kommunikativeren Unterricht, ermöglicht mehr Kollaboration und erschließt ganz neue Möglichkeiten und Materialien. Hier muss fortgebildet werden. Ich verweise hier auf die Dokumentation einiger Schülerprojekte sowie auf meinen Beitrag „Verlinkte PDF- Dateien als Tor zur Welt“.

SPD FORDERT „EINSETZUNG EINER EXPERTISEGRUPPE ZUR BEGLEITUNG UND EVALUATION DER PROJEKTE DES INNOVATIONSFONDS „DIGITALE ZUKUNFTSWERKSTATT SCHULE“

Die SPD fordert unter diesem Punkt: „Eine Expertisegruppe aus Wissenschaft, IT- Experten, Schulpraxis, Politik und Wirtschaft soll die „Digitale Zukunftswerkstatt Schule“- Projekte eng begleiten. Durch den Innovationsfonds sollen Projekte ermöglicht werden, die Wissen über neue pädagogische Potentiale im Umgang mit digitalen Medien generieren.“

Das soll ihr Einfallstor für eine konstruktivistische Pädagogik werden. Für die Linken ist IT die Tür zum pädagogischen Utopia des autonomen Lerners.

Bitte Gnade! Die Expertise von Wissenschaft und Universitäten ist leider allzu oft die Expertise von Theoretikern ohne oder mit wenig Praxiserfahrung. Natürlich sollten diese Standpunkte auch zur Geltung kommen, aber bitte nur beschränkt, maximal als Modellversuch mit wenigen Schulen. Standard muss die Arbeit mit Lernplattformen in der pädagogischen Freiheit des Lehrers sein. Das pädagogische Utopia darf nicht im Zentrum der Lehrerausbildung stehen!

Ein Kommentar zu “DAS SPD- POSITIONSPAPIER „FIT FÜR DIE DIGITALE ZUKUNFT“ SETZT DEN HEBEL FALSCH AN

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