Warum ich mich gegen OER entschieden habe

1.
OER (Open Educational Ressources) ist eine gute Sache, ich schätze die Idealisten, die sie erstellen. Ich habe selbst, als ich noch im Dienst war, jahrelang meine Materialien kostenlos zur Verfügung gestellt.

Aber:

2.
Meine Erfahrungen mit einer Kultur des Teilens sind wenig ermutigend. Ich stimme hier David Klett zu, der sich dazu in seinem Artikel “Geteilte Bildung ist halbe Bildung” geäußert hat. Was ich aus 20 Jahren Erfahrung sagen kann, ist: 999 von 1.000 Usern nehmen, nur eine(r) gibt, wenn überhaupt. Die Leute melden kaum mal Fehler, Rückmeldungen sind rar. Fast alle Bereiche des Geschichtszentrums, bei denen man mitmachen kann, werden fast nur von mir selbst am Leben gehalten, z.B. der Aufgabenpool.

3.
Grundsätzlich sehe ich es so: Geistige Arbeit ist wertvoll, das sollte auch honoriert werden. Warum sollte ich also den Ertrag meiner geistigen Arbeit verschenken? Schenken die User im Internet MIR etwas? Ich empfinde den kleinen Obulus, den ich für mein Lehrbuch verlange, als Anerkennung meiner Arbeit. Ich war mir darüber im Klaren, dass ich mit der Umstellung auf Kostenpflichtigkeit nur noch ein kleines Projekt haben würde, dass die Besucherzahlen massiv absacken würden. Es ist tatsächlich jetzt ein kleines Projekt, aber ich hoffe, es ist ein feines.

4.
Dazu kommt, dass digitale Lehrmaterialien inhaltliche und technische Pflege erfordern. Der Aufwand ist enorm, das sehe ich derzeit wieder, wo ich gerade die nächste Runde Updates von Unterrichtseinheiten bereitgestellt habe. Warum sollte ich als Pensionär Stunden um Stunden um Stunden hineinstecken und das alles umsonst machen?

Im Hinblick auf die technische und inhaltliche Seitenpflege liegen bei mir übrigens auch weitere Hauptbedenken gegen OER. Hergestellt sind Seiten schnell, aber pflegen will sie keiner. Man hat deshalb schnell einen großen Bestand, der aber in fragwürdigem Zustand sein kann. Zum Verkauf bestimmte Materialien müssen dagegen unweigerlich gepflegt werden.

5.
Außerdem entstehen Kosten, z.B. für Provider, usw. Warum sollte ich sie für andere aufbringen? Was tun die andern für MICH? Ich nehme die wenigen aus, die tatsächlich etwas geben.

6.
Und zuletzt: Warum die Verlage kaputt machen, wenn diese geeignetes und geprüftes Material bereit stellen? Geiz ist nicht geil, sondern untergräbt einfach nur die Qualität. Wenn der Staat heute auf OER aufspringt, dann vielleicht auch nur aus Kostenersparnisgründen. Mich wundert es ein wenig, dass sich die Materialgeber nicht fragen, ob sie hier nicht vielleicht ausgenutzt werden?

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Ein Kommentar zu “Warum ich mich gegen OER entschieden habe

  1. Ich glaube, Sie haben durchaus recht. Bedenken Sie aber auch: Die meisten Nutzer solcher Seiten sind selbst Lehrer, die nicht das Gefühl haben, etwas für sich selbst zu besorgen, sondern für die Schüler und ihren vielleicht damit besseren Unterricht. So könnte man mit Ihren Worten auch fragen “Warum soll ich etwas dafür geben, dass ich Material für meine Arbeit bekomme? Was gibt mein Arbeitgeber mir extra dafür?”
    Sie bekommen auf jeden Fall meinen Dank!

    PS: Um einen Obulus für Ihre Mühe würde sich sicher keiner drücken. Mühsam ist da vor allem der Bezahlvorgang.

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