Meine Antwort auf Martin Lindners Beitrag “10 häufig gestellte Fragen zum digital unterstützten Lernen an den Schulen”

Martin Lindner hat einen Beitrag zu der Blogparade “Mit digitalen Medien besser lernen?” von Christian Ebel unter dem Titel “10 häufig gestellte Fragen zum digital unterstützten Lernen an den Schulen” verfasst, den ich wegen seiner Konsequenz und seiner Bedeutung hier kommentieren möchte.
Martin Lindner: “Das ist also die eigentliche Alternative: Entweder ein Netz, das allen so selbstverständlich und entspannt zur Verfügung steht wie elektrisches Licht. (Es geht nämlich primär um Zugang zum Read/Write Web, an dem jede/r aktiv mitweben kann, und nur sekundär um die Art der Endgeräte.) Oder aber ein reflektierter und gezielter Einsatz digitaler Medien im Unterricht, “im Kontext von Lernszenarien, in denen deren didaktischer Mehrwert tatsächlich begründet ist”, verantwortet vom weltweisen Pädagogen, der alle Fäden in der Hand behält.”
Meine Antwort: Stimmt genau, Martin Lindner sieht es genau richtig. So ist es. Der sogenannte offene Unterricht, der konstruktivistisch begründet wird, ist eine Mogelpackung. Es handelt sich, wie Martin Lindner sehr zutreffend feststellt, um den Versuch, den Schülern innerhalb eines (durch Bildungsplan, zur Verfügung stehende Zeit und durch den Lehrer) vorgegebenen Rahmens möglichst viele Freiräume zu verschaffen, um die Schüler zu motivieren. Dieses Anliegen, viele Freiräume im vorgegebenen Rahmen zu  schaffen, unterstütze ich völlig, ebenso wie das wahrscheinlich 99 Prozent aller Lehrkräfte tun, aber dazu braucht man kein konstruktivistisches Geschwafel, mit dem man so tun kann, als sei man so wahnsinnig fortschrittlich und schülerfreundlich im Gegensatz zur ach so bösen bestehenden Schule mit ihren ewig gestrigen Lehrern, denn: Dieses Anliegen kann in der heute bestehenden Schule ohne großen ideologischen Aufwand verwirklicht werden. Dies ist eine Tatsache, die endlich anerkannt werden sollte, so viel intellektuelle Ehrlichkeit muss einfach sein. Wenn die heiße Luft erst mal draußen ist, schrumpfen die – wie gesagt sehr wünschenswerten und wichtigen – Veränderungen durch den offenen Unterricht auf Normalmaß zusammen. Es ist ja z. B. schön, wenn der Schüler die Reihenfolge seiner Aufgaben selbst bestimmen darf, aber sooooo revolutionär ist das ja nun auch nicht. Nein, Lernen im Web 2.0 ist nicht ganz anders, sondern graduell anders, mehr nicht, aber das ist schon etwas.
Martin Lindner: “Werde ich klüger, wissender und souveräner, [...] wenn ich mir Wissen aneigne durch kritisch reflektierte Web-Recherche, annotierte Bookmarks, Copy&Paste, Über-die-Schulter-Schauen bei Experten, schnelle schriftliche Kollaboration mit Peers … und schließlich durch Festhalten meiner Gedankengänge im eigenen Blog, wo ich sie später wieder aufgreifen und weiterentwickeln kann?”
Meine Antwort: Genau das ist die Beschreibung eines methodisch und inhaltlich fähigen Autodidakten, der im besten Fall am Ende der Schulzeit stehen kann, in Wirklichkeit ist er noch nicht mal typisch für den Durchschnittsstudenten. Einen solchen Schüler vorauszusetzen, nenne ich Realitätsverlust. Bitte nicht böse sein, wenn ich es wiederhole, aber diese Position kann nur vertreten, wer die Praxis nicht kennt. Schüler verstehen viele Texte aus dem Netz überhaupt gar nicht, das ist auch einer der Gründe, weshalb es Schulbücher braucht.
Martin Lindner: “Alle Gespräche über die Digitalisierung an den Schulen landen sehr schnell bei den Lehrpersonen. Die gelten dann entweder als Hoffnungsträger oder als Bremsklotz, aber in jedem Fall ist man sich einig, dass die den entscheidenden Faktor darstellen. Das ist nicht so, oder besser gesagt: Es wäre für alle besser, wenn es nicht so wäre. [...] Die Rolle der LuL ist chronisch überschätzt und überfrachtet.”
Meine Antwort: Eigentlich braucht Herr Lindner gar keine Lehrer mehr, denn er ist ein Apostel des konsequent individualisierten Lernens durch Autodidakten. Dass dadurch die gesellschaftliche Verbindlichkeit von Lerninhalten auf der Strecke bleibt und damit auch die gesellschaftliche Relevanz des Lernens, muss in der Konsequenz dazu führen, dass für diese Art von Bildungswesen auch keine staatlichen Mittel mehr ausgegeben werden dürfen, denn vom Steuerzahler kann nicht verlangt werden, jeden Selbstverwirklichungsblödsinn zu finanzieren. Der Staat sollte sich dann völlig aus der Bildung heraushalten, und ich glaube, Herr Lindner könnte ganz gut damit leben, wenn er seinen utopistischen Ansatz konsequent.selbst zu Ende denkt.
facebooktwittergoogleemail

Kommentare sind abgeschaltet.