Das Todesurteil der Netzdidaktiker

Es gibt unter den Anhängern der Bildungsrevolution mittels digitalen Medien ein Todesurteil. Dieses wird ausgesprochen, wenn man gegen einen Anhänger des Pragmatismus in der Medienpädagogik den folgenden Satz anführt: “Lernen 2.0 ist eben nicht alte Schule mit Internet und ein paar Tablets, sondern etwas ganz anderes.” Ratsch, Fallbeil fällt, Kopf ab. Du bist draußen und man braucht sich nicht mehr mit dir zu beschäftigen.

Bei so viel Realitätsverweigerung hilft auch naturgemäß kein Hinweis auf eben diese Realität. Etwa dass Bildung gesellschaftlichen Charakter hat, oder dass fachliche und Ausbildungserfordernisse dem Schüler naturgemäß immer von außen gegenübertreten müssen und dass es deshalb prinzipiell keinen Sinn macht, den Mechatroniker- oder Bäcker- Azubi selbst über die Inhalte seiner Ausbildung entscheiden zu lassen. Etwa dass die begrenzte Unterrichtszeit ständigen offenen Unterricht verbietet. Siehe hierzu mein Posting “Ein Plädoyer für Pragmatismus

Nein, solch nüchternen Argumenten wird der oben genannte mysteriöse Satz entgegengestellt, selbst von Leuten, die schon unter Beweis gestellt haben, dass sie gegen den Stachel löcken können. “Etwas ganz anderes”. Was genau, bleibt im mystisch Verborgenen. Rationale Begründungen braucht man nicht vorzutragen, Behauptungen genügen.

Da spielt es auch keine Rolle mehr, dass auch Pragmatiker für einen offenen Unterricht eintreten. Es spielt auch keine Rolle, dass dazu die besonders geeigneten neuen Medien benutzt werden. Es ist ja nicht so, dass man als Pragmatiker nicht auf möglichst viel Eigenaktivität und Selbstständigkeit des Schülers setzen würde. Aber weil man nicht auf Revolution, sondern auf Reform setzt und weil man nicht an die Wunderheilungs- und Erlösungskräfte der Medien glaubt, spielt das keine Rolle, auch wenn ein pragmatischer Ansatz viel besser geeignet ist, den Unterricht im Sinne der Offenheit voranzubringen als jeder zum Scheitern verurteilte romantische Revolutionsversuch.

Die Vernunft hat leider wenig Chancen im Bildungsbereich, aber das ist mir jetzt auch egal. Ich geh jetzt segeln. Und tschüss.

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