Mein Beitrag zur Blogparade “Mit digitalen Medien besser lernen?” – Ein Plädoyer für Pragmatismus

Christian Ebel lädt auf seinem Blog zu einer Blogparade “Mit digitalen Medien besser lernen?” einJedermann ist dort eingeladen, aus eigener Erfahrung einen Bericht beizusteuern. Ich finde das eine gute Idee und komme der Einladung gerne nach, um in eine Diskussion einzusteigen.
 
Christian Ebel fragt: “Kann sich der Einsatz digitaler Medien im Unterricht positiv auf das Lernen der Schüler auswirken?” Meiner Meinung nach: Ja, er kann, muss aber nicht. Es kommt darauf an, wie man es macht.
Viel hängt vom Vorverständnis und den Rahmenbedingungen für den Unterricht ab.
Ich habe zwanzig Jahre lang den Computer im Unterricht eingesetzt und dabei eine kleine Fachdidaktik entwickelt. Mein Ansatz geht von der Realität und nicht allein von einer (konstruktivistischen) Theorie aus. Er reflektiert eine Reihe von Tatsachen, die von den Konstruktivisten systematisch ignoriert werden, weil sie rein von ihrer Lerntheorie ausgehen, ohne diese in eine konkrete Wirklichkeit zu versetzen.
Theorie ist typisch Uni, und dort sowie bei den materiell interessierten Computerfirmen wurden die aktuellen Theorien der “digitalen Euphoriker” (Füller) auch ausgebrütet. Realität und Realismus ist dagegen typisch Schulpraxis. Aus dieser Ecke komme ich selbst.
Zunächst zu den Rahmenbedingungen von Unterricht, die bei gutem Unterricht zu beachten sind.
1. Bildungspläne als notwendige gesellschaftliche Vorgaben. 
Die Gesellschaft unterhält ein aufwendiges Bildungswesen nicht dazu, dass jeder seine individuellen Bedürfnisse und Interessen befriedigen kann, sondern dass gesellschaftliche Bedürfnisse befriedigt werden können. Diese werden der Natur der Sache nach von außen an die Lernenden herangetragen. Daraus folgt: Es darf
keine beliebige individuelle Auswahl von Lernzielen durch Schüler geben. Was gelernt wird, muss gesellschaftliche Relevanz haben. Natürlich kommt dazu individuell bildende Inhalte und praktische Relevanz (Berufsschulwesen), aber nicht alles ist gleichermaßen individuell bildend, und was eine Ausbildung zum Mechatroniker umfasst, kann nicht einfach ins Belieben des Azubi gestellt werden. Der konstruktivistische Ansatz kollidiert also mit gesellschaftlichen und fachdidaktischen Erfordernissen. Dieses Faktum wird regelmäßig von den Konstruktivisten ignoriert, obwohl dessen Nichtbeachtung zu fataler Leistungssenkung und zur Disfunktionalität des Bildungswesens führt.
2. Das idealistische Schülerbild
Dieses ist eine Achillesferse der Reformpädagogik, aus der der Konstruktivismus so stark schöpft. Es wird so getan, als ob der Schüler, ganz sich selbst überlassen, als Autodidakt sich ganz dolle Lernziele heraussuchen würde. Sogar auf der Uni aber könnte man merken, wie es sich in der Realität verhält: Oft interessiert sich der Schüler gar nicht für das Fach. Nicht einmal sinnentnehmendes Lesen funktioniert zuverlässig. Das erklärt sich der konstruktivistische Fachdidaktiker damit, dass der eigentlich interessierte Schüler durch die böse, angeblich rein instruktionistische Schule verhunzt worden sei. Aber das ist nur eine billige Lebenslüge dieser Denkrichtung. Die Realität sieht anders aus.
Es gibt viele verschiedene Schülertypen: faule und fleißige, gescheite und dumme (ja, Tatsache), interessierte und desinteressierte. Oft gibt es solche, die aus verschiedenen Gründen in allen Fächern nix bringen. Andere sind in Naturwissenschaften gut, in Sprachen aber schlecht, usw.
Die Lösung des Problems kann nun nicht darin liegen, den Schüler seine Lernziele selber aussuchen zu lassen, denn das berücksichtigt den gesellschaftlichen Charakter von Bildung nicht, siehe oben. Wenn man die Schüler sich in diesem Punkt wirklich selbst überlässt, suchen sie sich entweder Mode- oder Body- oder Sportthemen oder Comedy aus, denn sie leben in einer hedonistischen Spaßgesellschaft.
Das wissen sogar die Konstruktivisten. Deshalb jubeln sie den Schülern IMMER etwas unter, direkt oder indirekt über ein Lehr- Lernarrangement mit unterschiedlichen Themen, Aufgaben- und Anforderungsniveaus oder über die Möglichkeit, Aufgaben zu unterschiedlichen Zeiten oder in unterschiedlicher Reihenfolge zu lösen. Aber der Schüler ist trotz der ganzen schönen Theorie NIE ganz frei, nur der Rahmen seiner Entscheidungsmöglichkeiten wird etwas weiter gesetzt. Was überschwänglich als selbst gesteuertes oder gar selbst entwickelndes Lernen bejubelt wird, nimmt sich in der Realität oft zieeemlich bescheiden aus. Der konstruktivistische Ansatz schummelt, weil er so tut, als ließe er den Schüler alles entscheiden, ihn in Wirklichkeit aber trotzdem steuert.
Natürlich ist es sicher richtig, dem Schüler möglichst große Entscheidungs- und Handlungsfreiheit zu lassen, aber diese Erkenntnis haben Konstruktivisten nicht gepachtet, auch wenn sie gerne so tun. Dieses Ziel wird heute in jedem Lehrerbildungsseminar propagiert, und wenn es trotzdem nicht immer bzw. nicht immer ausreichend klappt, dann hat das andere Ursachen als einen Mangel an entsprechendem Bewusstsein.
Was Schüler in den allerseltensten Fällen sind, sind Autodidakten. Aber zum idealistischen Schülerbild gehört regelmäßig der Glaube genau daran. Autodidakt kann der Schüler erst am Ende einer guten Ausbildung werden, nicht am Anfang.
Mit dem offenen Lehr-Lernarrangement komme ich nun zur Lehrerrolle.
3. Vom Instrukteur zum Lernbegleiter?
Keine Abhandlung über den Einsatz digitaler Medien im Untericht kommt ohne die Behauptung aus, der Lehrer ändere seine Rolle im offenen Unterricht vom Instrukteur zum Lernbegleiter. Das ist, wie wir gesehen haben, nur die halbe Wahrheit. In Wirklichkeit besteht die Hauptaufgabe des Lehrers, wenn er mehr Selbsttätigkeit und Selbstständigkeit des Schülers erreichen will – und das wollen, wie gesagt, heute DIE MEISTEN Lehrer, auch die Pragmatiker  und die Nichtkonstruktivisten  - in der Bereitstellung des Lehr- Lernarrangements einerseits und in der Nachbesprechung und Nachbearbeitung der Schülerergebnisse andererseits. Die eigentliche Schülerberatung während der eigentlichen Unterrichtszeit ist dagegen verhältnismäßig einfach und im Vergleich zu den anderen Lehrertätigkeiten wenig zeitintensiv.
Leider muss man hier eine konstruktivistische Peinlichkeit ansprechen: Die Besprechung und Nachbearbeitung der Schülerergebnisse lässt in der konstruktivistischen Praxis des offenen Unterrichts leider viel zu häufig viel zu sehr zu wünschen übrig.
Das hat verschiedene Gründe, es liegt aber leider hauptsächlich am konstruktivistischen Ansatz, denn wer wie die Konstruktivisten davon ausgeht, dass der Schüler nur das lernt, was er sich selbst beibringt, der wird wenig Wert darauf legen, den Schüler auf Fehler und Probleme und Implikationen hinzuweisen, denn die kommen ja von außen und werden deshalb, so das Dogma, vom Schüler nicht gelernt. Wenn man dann noch jeden noch so eklatanten Blödsinn durchgehen lässt, um den Schüler nur ja nicht zu demotivieren oder möglicherweise zu überfordern, dann haben wir den Salat.
Konstruktivistischer Unterricht tendiert zu Arbeitsblattunterricht mit anschließender Überreichung eines Lösungsblattes. Beide Blätter können auch digital vorliegen oder auch ein Audio oder Video sein, am Prinzip ändert sich nichts. Der Schüler ist aber vielfach leider nicht in der Lage, Lösungsblatt und eigenes Arbeitsergebnis zutreffend abzugleichen.
Und noch eins oben drauf: Je individualisierter der Unterricht, desto zahlteicher die einzelnen Themen, Aufgaben und Lösungen, desto schwieriger rein aus Zeitgründen wird es für den Lehrer, dem einzelnen Schüler gerecht zu werden, und desto schwieriger wird es für den Lehrer, sich in alle Themen qualifiziert einzuarbeiten. Das fördert den Lösungsblattunterricht natürlich auch gewaltig.
4. Zeitliche Rahmenbedingungen
Der gute Konstruktivist lässt regelmäßig die zeitlichen Rahmenbedingungen von Unterricht außer Acht, weil er eben ein Theoretiker ist und die Schule im Normalfall nur von außen kennt, von der eigenen stark subjektiv erfahrenen Schulzeit mal abgesehen.
Wenn offener Unterricht in der Praxis oft scheitert, liegt das meist nicht am mangelnden Willen des Lehrers, sondern zum einen an den Vorgaben der Bildungspläne, die aber vom Prinzip her zu Recht bestehen. Zum anderen daran, dass Unterrichtszeit nur begrenzt zur Verfügung steht. Von der vorhandenen Unterrichtszeit steht höchstens ein Drittel für Projektarbeit oder projektartige Arbeit oder ähnliche typische Formen des offenen Unterrichts zur Verfügung. In den restlichen zwei Dritteln der Unterrichtszeit muss es schnell gehen, die notwendigen Sach- bzw. Fachinhalte müssen umgesetzt werden und die Anforderungen werden dabei deutlich von außen an den Schüler herangetragen.
Wer daran etwas ändern will, unterminiert den gesellschaftlichen Charakter von Unterricht sowie das Fächerprinzip, das gutem Unterricht zugrunde liegt. Heraus kommen dafür hedonistische Beliebigkeit, zusammenhangloses und unstrukturiertes Inselwissen sowie ein Leistungsabfall auf breiter Front. Ich finde das verantwortungslos und nicht hinnehmbar.
5. Der dogmatische Glaube an die revolutionierende Kraft der Medien
Offener oder geschlossener Unterricht, Instruktion oder Konstruktion: Darüber wird VOR dem Einsatz digitaler Medien entschiedenen. Mit den digitalen Medien selbst hat das zunächst gar nichts zu tun.
Die Realität ist, dass digitale Medien jeden Unterricht verbessern können, auch den instruktionistischen. Auch wenn ich den Computer nur als Filmprojektor mit gutem Filmmaterial einsetze, ist das schon eine Verbesserung gegenüber einem analogen Unterricht, der nur noch mit heute lachhaften Videocassetten mit Cassettenrecorder im fahrbaren Videoschrank arbeitet.
Klar ist, dass digitale Medien so oder anders eingesetzt werden können, insofern also “neutral” sind. Von sich allein aus wirken sie nicht automatisch revolutionierend, und die Art Revolution, die die Konstruktivisten unter dem Deckmantel der Digitalisierung anstreben, ist aus meiner Sicht, wie gesagt, weder wünschenswert noch ist sie den Medien automatisch immanent.
Die Diskussion über den Nutzen digitaler Medien muss also erst die didaktisch- methodische Frage klären (z.B. Konstruktivismus versus Instruktion) und dann den Einsatz der digitalen Medien klären. Die Frage lautet dann, ob und welche digitalen Medien das Unterrichtsziel optimal unterstützen. Diese Frage ist rein funktional.
5. Charakteristika digitaler Medien
Digitale Medien erschließen dennoch Möglichkeiten, die analoge Medien nicht oder nur aufwändig realisierbar enthalten. Es gilt der Grundsatz: Digital geht alles, was analog auch geht, aber sehr vieles geht besser und manches geht fast nur mit digitalen Medien. Der Mehrwert der digitalen Medien liegt darin, dass sie mehr bequemer können. Ich könnte das an vielen Beispielen aufzeigen, das würde aber den Umfang dieses Beitrags sprengen. Die Leser dieses Beitrags sind in diesem Punkt ohnehin im Bilde.
Die Beachtung des Charakters und der Rahmenbedingungen von Unterricht und die Kenntnis der besseren unterrichtlichen Möglichkeiten der digitalen Medien führen zu einem pragmatischen Ansatz. Man geht von den bestehenden Rahmenbedingungen aus und macht dann das unter den gegebenen Umständen Optimale. Aus meiner Sicht gibt es keinen optimierten Unterricht, der nur konstruktivistisch oder nur instruktionistisch ist, sondern es kommt auf die Berücksichtigung der Rahmenbedingungen und gleichzeitig auf die Bestimmung der Lernmethode und gleichzeitig auf die Wahl der optimalen Medien an. Das Ganze steht in einem Wechselverhältnis.
Schlussfolgerung
Die Frage nach dem Nutzen digitaler Medien, also die berühmte Frage nach dem Mehrwert, hängt also davon ab, was man mit dem Medieneinsatz bezwecken will. Das wiederum hängt von Rahmenbedingungen und Lernzielbestimmung ab. Ja, Lernzielbestimmung. Da der gesellschaftliche Charakter des Unterrichts und die praktischen Erfordernisse des Unterrichts bedeuten, dass es Unterrichtsziele gibt und dass diese von außen an den Schüler herangetragen werden müssen, müssen diese auch formuliert und möglichst weitgehend erreicht werden. Darin liegt die Verantwortung des Lehrers. Die Pädagogik arbeitet dafür schon immer mit Motivationstechniken.
Das ist für Konstruktivisten ein Graus, aber ihre Behauptung, dass Schüler nur lernen, was von ihnen selber kommt, ist in dieser Ausschließlichkeit einfach falsch und wird täglich von erfolgreicher Berufsausbildung widerlegt. Andererseits ist klar, dass Schüler besser lernen, wenn sie dafür motiviert sind.
Der Sache, nämlich einem möglichst offenen Unterricht mit viel selbstständiger Schüleraktivität, wäre am besten gedient, wenn alle sich darauf einigen würden, dass sie an diesem Ziel arbeiten, und zwar unter den Bedingungen der Wirklichkeit. Die Diffamierung der bestehenden Schule und der Lehrer sollte ein Ende haben genauso wie das euphorisch- realitätsfremde Geschwafel von der pädagogischen Revolution und den revolutionären Wirkungen der digitalen Medien auf den Unterricht. Wenn man Lehrer davon überzeugen könnte, das digitale Medien praktischer sind als analoge und dass sie bessere pädagogische Möglichkeiten bieten, wäre viel gewonnen. Das wäre eine echte Reform im wohl verstandenen Interesse aller Beteiligten. Es kommt darauf an, diesen pragmatischen Ansatz durchzusetzen und der pädagogischen Ideologie einen Riegel vorzuschieben. Mein eigener Beitrag dazu ist das Geschichtszentrum mit GESCHICHTE ALS DENKFACH – Das digitale Lehrbuch des Geschichtszentrums.

 

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2 Kommentare zu “Mein Beitrag zur Blogparade “Mit digitalen Medien besser lernen?” – Ein Plädoyer für Pragmatismus

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