Die Lebenslügen des bisherigen Schulsystems und die Lebenslügen der Digitalmodernisten

Ich muss vorausschicken, dass ich selbst 20 Jahre lang mit dem Computer in der Schule unterrichtet habe, davon über 10 Jahre ausschließlich mit dem Computer, und das an einem stinknormalen deutschen Gymnasium, dessen Schulleitung und Kollegium in der großen Mehrheit mit Computern mehr oder weniger nix am Hut hatte, oft genug im Gegenteil. Ich selbst habe das erste digitale Schulbuch für Geschichte im deutschsprachigen Raum entwickelt. Es heißt GESCHICHTE AlS DENKFACH – Das digitale Lehrbuch des Geschichtszentrums. 

Mir braucht also keiner etwas über die Notwendigkeit der Digitalisierung zu erzählen.

Jetzt stoße ich auf den Artikel “DIE GEFÄHRLICHE EKSTASE DER REALITÄTSVERWEIGERUNG – EINE POLEMIK” von Marcus Ventzke

http://blog.multimedia-lernen.de/die-gefaehrliche-ekstase-der-realitaetsverweigerung-eine-polemik/#more-694

und lese folgende Sätze:

“Bekommen wir in der analogen Schule tatsächlich umfassend gebildete, kritikfähige, ergebnisorientierte, sozialkompetente, selbstorganisierte Leute, die Verantwortung tragen wollen und können? Mit solchen Fragen sind doch ganz schnell die Lebenslügen des bisherigen Schulsystems markiert. Sei’s drum! In diesem Land haben die Verwalter das Sagen, diejenigen, für die Bildung etwas Statisches ist, diejenigen, die ihre ‘Bildung’ mit jenem gymnasialen Dünkel verteidigen wollen, mit dem sie sich schon seinerzeit, beim eigenen Schulbesuch in der ‘Anstalt’, so wohlig vom Rest der Welt abgehoben haben. Das Resultat ist eine Stimmung des Stillstands, der Angst vor dem Neuen und der unqualifizierten Abwehr guter Ideen: Wir wollen um nichts in der Welt etwas ändern am frontal geführten Klassenverband, der in isolierten Räumen hockt, mit Tafel und Kreide hantiert, durch Fetzenstundenpläne gehetzt wird und den Normierungsvorstellungen des Industriezeitalters unterliegt.”

Da ist er wieder, der Popanz von der deutschen Schule mit dem frontal geführten Klassenverband, der mit Tafel und Kreide hantiert, etc. pp., die weder umfassend gebildete, kritikfähige, ergebnisorientierte, sozialkompetente, noch selbstorganisierte Leute hervorbringt, die Verantwortung tragen wollen und können? 

Mir scheint, dieses Zerrbild der aktuellen Schule ist die Lebenslüge all der euphorischen digitalen Aktivisten im Stile von Marcus Ventzke, und die beherrschen das Feld im Internet leider total, meines Erachtens sehr zum Schaden der digitalen Sache. 

Warum soll die aktuelle Schule keine umfassend gebildeten, kritikfähigen, ergebnisorientierte, sozialkompetenten, selbstorganisierten Leute, die Verantwortung tragen wollen, hervorbringen können? Ich kenne Leute, die SOL (Selbst Organisiertes Lernen) seit über 15 Jahren mit Erfolg praktizieren, und zwar ohne Computer.    

Solche Kollegen werden erfolgreich verkrätzt, wenn man ihnen mit dem schulischen Zerrbild der Digitalpropheten kommt. Und nicht nur diese, sondern auch viele andere Kolleginnen und Kollegen, die gute Arbeit auch ohne Computer leisten. 

Der Punkt ist nämlich nicht, dass ohne Computer nichts oder nichts mehr geht, sondern dass MIT Computer alles genauso gut, aber vieles entschieden besser und manches überhaupt erst geht. Wer in der Schule digitale Veränderung will, sollte diese Botschaft rüberbringen, statt die Lehrer und Lehrerinnen herabzusetzen und als blöd hinzustellen. 

Statt Lehrerschelte und Schulschelte sollten veränderungswillige Kolleginnen und Kollegen in den Stand gesetzt werden, individuelle Veränderungen durchzuführen. Die Möglichkeiten hierzu laufen meiner Meinung nach über WLAN (in wenigen Jahren auch über verbreitete Billigtarife), über Cloudcomputing, über strikte Verwendung von Standardprogrammen und Standardformaten, über die Bereitstellung digitaler Materialen und über die Umgehung veralteter Strukturen via Internet, um einige grundlegende Faktoren zu nennen.

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