Was macht ein innovatives Schulbuch aus?

Es gibt in Deutschland eine lautstarke Szene, die sich aus Mitgliedern von Universitäten und Technikfreaks zusammensetzt und sich ihrer gefühlten Fortschrittlichkeit sehr sicher ist. Diese selbst ernannte Avantgarde glaubt, aufgrund ihrer vermeintlichen Fortschrittlichkeit die Kriterien für das optimale digitalisierte Schulbuch zu kennen und damit das Ausmaß der Innovation in digitalen Schulbüchern beurteilen zu können.

Ganz uninnovativ und vorgestrig sind in deren Augen PDF- Dateien, die sich im Aussehen und mit Texten und Aufgaben an herkömmlichen Schulbüchern orientieren, so wie es die Verlage machen. Pfui, das geht gar nicht! Das ist alter Wein in neuen Schläuchen! Das ist Instruktion und überholtes 19. oder 20. Jahrhundert!

Problematisch ist nur, wenn man als Fortschrittler gar nicht so richtig kapiert hat, wozu ein Schulbuch eigentlich da ist und in welchem unterrichtlichen Zusammenhang es eingesetzt wird bzw. werden kann. Aber dazu würde ein bisschen schulische Alltagserfahrung gehören, über die man leider selten verfügt.

Ich möchte das Problem am Beispiel einer Diskussion über ein digitales Schulbuch klar machen, das sich derzeit in NRW in Erprobung befindet und über das gerade in der Szene diskutiert wird. Es handelt sich um das mBuch, das hier in einem Video vorgestellt wird:

mBook – Infos zum multimedialen Geschichtsbuch aus Eichstätt

Zu den Besprechungen muss man etwas hinunter scrollen. Die nachfolgend aufgeführten Kriterien finden sich dort im Beitrag von Daniel Bernsen vom 6. Januar 2015.

Anforderung 1: Ein digitales Schulbuch muss Veränderungsmöglichkeiten und von Lernenden erstellte digitale multimediale Lernprodukte enthalten.

Das mBook, so Bernsen, „bietet Auswahl, aber keine Veränderungsmöglichkeiten und, soweit ich gesehen habe, keine digitalen multimedialen Lernprodukte, die durch die Lernenden erstellt werden. Es kann nichts gestaltet oder mit anderen geteilt werden, sondern ist von der Konzeption her absichtlich eben doch weitgehend traditionell an den bisherigen Schulbüchern orientiert – mit dem Unterschied, dass das, was bisher als Zusatzmaterialien von den Verlagen angeboten wurde, direkt ins das digitale Buch integriert ist. Damit bleibt es hinter den Möglichkeiten, die die Digitalisierung bietet, deutlich zurück.“

Diese Anforderungskriterien sind falsch. Ein Schulbuch enthält

  • Quellen. Die dürfen naturgemäß nicht verändert werden
  • Informative Texte, die das Geschichtsnarrativ enthalten. Diese kann und soll der Schüler hinterfragen, aber das ist dann Teil seines Arbeitsergebnisses. Wozu soll er dazu den Schulbuchtext verändern? Wenn es sinnvoll und möglich ist, kann er als Arbeitsergebnis einen neuen Schulbuchtext schreiben, aber dieser wird im Unterricht nicht mehr eingesetzt, höchstens in einer neuen Klasse durch den Lehrer mit Einverständnis der Schüler, der sich dann mit Hilfe des Schülerergebnisses ein neues, gegenüber dem Schulbuch alternatives, Arbeitsmaterial erstellt.
  • Insgesamt überwiegend urheberrechtlich geschütztes Material, das schon aus rechtlichen Gründen nicht verändert werden darf.

Die Forderung, das digitale Schulbuch müsse „von Lernenden erstellte digitale multimediale Lernprodukte“ enthalten, läuft daraus hinaus, dass Lernende die Lehrbücher erstellen sollen. Das können sie nicht, sonst bräuchten sie keinen schulischen Geschichtsunterricht mehr. Unter Anleitung eines Lehrers können vielleicht ausnahmsweise mit viel Zeit- und Arbeitsaufwand Unterrichtsmaterialien für eine andere Lerngruppe hergestellt werden, ein ganzes Schulbuch wird aber auch nicht unter Anleitung eines Lehrers möglich sein, der dieses Ansinnen auch zurecht als absurd zurückweisen würde.

Was allerdings möglich ist, sind digitalisierte, auch multimediale Arbeitsergebnisse, allerdings aus Zeitgründen eher im Ausnahmefall.

Anforderung 2: Lernende sollen Fragen stellen können

Bernsen: Man „könnte man sich ja durchaus auch vorstellen, dass nicht die Autoren die Fragen vorgeben, sondern die Lernenden selbst ihre Fragen an das Thema formulieren. Ich denke, das wäre dann auch im Sinne der Förderung historischer Fragekompetenz.“

Die Lernenden sollen also die Fragen stellen. Klingt prima. Aber leider ist ein Schulbuch eben ein Schulbuch, auch wenn es digital ist. Es stellt seiner Natur nach Materialien zur Verfügung, die der Sache nach nur so ausgewählt werden können, dass sie auf eine bestimmte Fragestellung antworten, egal ob diese Frage explizit oder nur implizit gestellt wird. Die Frage bestimmt über den Materialinput, dieser wiederum über den inhaltlichen Output beim Schüler.

Anders herum: Stellt der Schüler die Fragen, so muss er sich konsequenterweise auch das Material zusammensuchen, mit dessen Hilfe er seine Fragen beantworten kann, denn das Schulbuchmaterial ist auf eine vorgegebene Fragestellung abgestimmt.

Ein Schulbuch gehört in einen ganz anderen unterrichtlichen Zusammenhang. Es wird in den Unterrichtsphasen eingesetzt, in denen es darum geht, schnell im Unterricht voranzukommen. Fragen selbst zu entwickeln und diese dann anhand von verschiedenen, im optimalen, aber selten vorkommenden Fall mit selbst recherchierten Materialien selbst zu beantworten, gehört dagegen in Unterrichtsphasen, in denen man projektartig bzw. in Projekten arbeitet, siehe Grafik Methodischer Ort des Lehrbuchs.

Dass die Schüler die Fragen stellen sollen, ist eine mit Schulbucharbeit unvereinbare Forderung. Wer diese Forderung stellt und davon auch noch den Grad der Innovation bestimmen will, gibt einfach nur zu erkennen, dass er den Unterschied zwischen Schulbucharbeit und projektartiger Arbeit im Unterricht nicht kennt oder berücksichtigt.

Die sinnvolle Anforderung an das Schulbuch muss dagegen lauten, relevante Fragen zu stellen.

Anforderung 3: Ein digitales Schulbuch muss offen im Sinne der oben genannten Kriterien sein, sonst ist es nicht innovativ.

Wenn die beiden oben genannten Anforderungen unsachgemäß sind, dann ist es auch diese Forderung nach Offenheit in der oben dargelegten Weise.

Anforderung 4: Kollaborative Elemente

Wieso sollen diese in ein Schulbuch? Man benutzt einfach, zum Beispiel, ein Lernmanagement- System, in welches das digitale Schulbuch integriert wird, und fertig. Es genügt, dass das Schulbuch digital ist, um die Vorteile der Digitalität nutzen zu können, hier also die einfache Kollaboration über das Netz.

Wie kommt es zur Aufstellung solcher Kriterien?

Mir fallen zwei Antworten ein.

Erstens: Der Autor kommt aus der Uni und nicht aus der Praxis.

Zweitens: Er hegt falsche Erwartungen. Vor dem Hintergrund einer konstruktivistischen Lerntheorie erwartet er einen Lerner, der sich selbst organisiert und seinen Lernprozess selbst entwickelt, und zwar in einem Maße, das den Schüler als Autodidakten voraussetzt. Dieser Erwartung soll dann das digitale Lehrbuch irgendwie entsprechen.

Das geht aber nicht. Ein Lehrbuch ist und bleibt ein Lehrbuch, die Digitalisierung bringt lediglich viele praktische Vorteile wie zum Beispiel den, ein Lernmanagement- System nutzen zu können. Durch Digitalisierung wird dennoch die Selbsttätigkeit des Schülers fast zwangsläufig erhöht.

Wer rein konstruktivistisch arbeiten will, darf kein Schulbuch benutzen, sondern muss mit disparaten, unterschiedlichen Materialien arbeiten. Das ist prinzipiell nicht falsch, kann aus verschiedenen übergeordneten Gründen aber nur in etwa einem Drittel der Unterrichtszeit geschehen.

Die Innovationskraft eines digitalen Schulbuchs bemisst sich zum Beispiel danach,

- inwieweit es die Möglichkeiten des digitalen Arbeitens optimal anbietet. Dabei spielt heute die Möglichkeit mobilen Lernens eine wachsende Rolle. Dabei kommt es aber auch darauf an, die technischen Möglichkeiten der Schulen und die technischen Fähigkeiten der Lehrenden zu berücksichtigen. Die oben von Daniel Bernsen genannten Forderungen dagegen sind nicht zielführend.

- inwieweit die Fragestellungen relevant sind und auf selbstständiges Denken des Schülers abzielen. Dieses entsteht in der Praxis überwiegend durch die aktive Unterstützung des Lehrers und bildet das Ergebnis eines langfristigen guten Unterrichts. Diese Anforderung gilt natürlich auch für ein analoges Schulbuch.

Es gibt übrigens bereits ein langjährig erprobtes digitales Geschichtsbuch: GESCHICHTE ALS DENKFACH – Das digitale Lehrbuch des Geschichtszentrums.

Sie erhalten es kapitelweise als einzelne Unterrichtseinheiten im Geschichtszentrum Shop.

Infos zum Geschichtszentrum, z.B. mit Vorschlägen zu Einsatzszenarios.

 

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2 Kommentare zu “Was macht ein innovatives Schulbuch aus?

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